Es ist die »Stunde der Spezialisten«, wenn der grösste Feind der Wahrheit nicht die Lüge ist, sondern die Überzeugung. NS-Deutschland 1940: Max Koenig ist Professor für Altertumsforschung. Die Diagnose eines ererbten Nervenleidens, das einmal der »Schwarze Gast« hiess, reisst ihn aus seiner Karriere und fort von seiner italienischen Frau und der kleinen Tochter. Emphatisch und erschütternd klar: Barbara Zoeke gibt den Opfern und Tätern eines der verdrängten Verbrechen der Nationalsozialisten eine literarische Stimme – eine »Litanei auf die Farbe Schwarz«
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21.09.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das stille Grauen, sichtbar für alle
Es gibt Bücher, die will man nicht lesen. Man will sie nicht lesen, weil sie Angst machen, weil sie Licht auf Dinge werfen, von denen man gewohnt ist, dass sie im Dunkeln bleiben. Man will sie nicht lesen, weil sie uns verändern, weil wir das, was wir gelesen haben, nicht einfach wieder vergessen können, es nicht einfach wieder ungelesen machen können.
„Die Stunde der Spezialisten“ ist genau so ein Buch. Und man weiß es. Bevor man es liest, ist es einem durchaus bewusst, was man da lesen wird, was es eventuell mit einem macht und was es bewirkt. Und obwohl man weiß, was da kommt und worauf man sich da einlässt, gibt es trotzdem keine Möglichkeit, sich vorzubereiten. Sich vorzubereiten auf die Wucht der Worte, die mit einem Schlag auf einen zukommt. Wenn man es dann tatsächlich liest, möchte man nichts mehr, als mit dem Lesen aufhören, als das Buch für immer ins Regal zu stellen, in die hinterste Ecke, versteckt und vergessen.
Aber man vergisst nicht und man liest weiter, immer weiter hinein in das Grauen, immer weiter hinein in die Arbeit der Spezialisten.
Die Spezialisten, Ärzte unter der Leitung des Führers, in ihrem Bestreben die Rasse rein zu halten, dem großen Ganzen, dem Volk, zu dienen, indem sie die Kranken und Schwachen, die verunreinigten Gene, systematisch eliminieren. Ein rotes Kreuz zwischen den Schultern, mehr braucht es nicht, um über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden.
Sie ist Alltag, Routine, die Arbeit der Spezialisten. Busse in Empfang nehmen, Habseligkeiten in Beutel verstauen, ausziehen. Das Grauen ist da, die ganze Zeit, immer, bei jedem Wort und jedem Satz, hinter jeder Seite verbirgt es sich und fordert uns auf, sich mit ihm auseinanderzusetzen, uns endlich der Konfrontation zu stellen. Und das müssen wir. Wir alle. Jeder von uns steht in der Verantwortung.
Es gibt Bücher, die will man nicht lesen, aber man muss es, weil es unsere Pflicht ist. „Die Stunde der Spezialisten“ ist eines davon.