»Die Dünung war vollständig eingeschlafen. Die Sonne brannte auf die reglose See. Über dem Horizont lag leichter Dunst. Das Schlauchboot trieb nur unmerklich. Der Einarmige beobachtete unablässig die Kimm. Der Andere schlief. Es war nichts in Sicht.«So beginnt eines der beeindruckendsten Bücher über den Krieg und dessen letzte Konsequenz: das Sterben in grosser Einsamkeit.Ein deutscher U-Boot-Matrose und ein amerikanischer Pilot treiben in einem Schlauchboot im Atlantik; der Amerikaner - schwer verwundet - stirbt am dritten Tag, der Deutsche ist am Verdursten: »Die See zeigt sich unbewegt und ohne Anteilnahme, wer auf ihr herumtreibt.«Ohne Sentimentalität oder Pathos beschreibt Jens Rehn Menschen in der extremsten Situation: dem Tod ausgeliefert, ohne jede Hoffnung, nichts in Sicht.»Nichts in Sicht«, von der Kritik hochgelobt und in viele Sprachen übersetzt, erscheint anlässlich des 100. Geburtstags von Jens Rehn in einer Neuausgabe mit einem Nachwort von Ursula März.
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Bewertung
5/5
18.07.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Klassiker der Antikriegsliteratur
Ein amerikanischer Pilot und ein deutscher U-Boot-Matrose treiben zusammen in einem Schlauchboot im Atlantik. Der Amerikaner ist schwer verwundet und wird allein aus diesem Grund zeitnah sterben, der Deutsche sehr wahrscheinlich später verdursten, denn bis auf die endlosen Wassermassen im Atlantik ist nichts in Sicht...
Der Autor, Jens Rehn, wurde 1918 in Flensburg geboren und war im zweiten Weltkrieg U-Boot-Offizier. Eine gewisser biografischer Bezug in diesem Roman lässt sich also nicht leugnen, allerdings wurde Rehn gerettet, nachdem das U-Boot auf dem er diente, zerstört wurde und verbrachte anschließend 4 Jahre in Kriegsgefangenschaft. Der 100. Geburtstag dieses Mannes wurde nun als Anlass genommen, um seinen Erstling "Nichts in Sicht" noch einmal neu aufzulegen und mit einem Nachwort von Ursula März zu versehen.
Ich kann mich der bisherigen positiven Meinungen zu diesem Werk nur anschließen, denn es ist in der Tat ein beeindruckender Antikriegsroman, in dem es nicht um den Krieg selbst geht, sondern um seine letzte Konsequenz, das Sterben.
Der Roman bezieht sich auf den zweiten Weltkrieg, was auch bereits auf den ersten Seiten deutlich wird. Ein Schlauchboot treibt mit einem verwundeten amerikanischen Piloten und einem deutschen U-Boot-Matrosen mitten im Atlantik und aus zwei Männern, die gerade noch Feinde waren, sind einfach nur zwei Menschen geworden, die das selbe aussichtslose Schicksal teilen. Was für Rehn scheinbar bedeutungslos ist, ist der Krieg selbst, denn er schildert weder Kampfhandlung noch Kriegsgerät oder ähnliches. Diese Dinge rücken für Rehn in den Hintergrund, denn letztendlich zählt für ihn nur das Ergebnis des Krieges und das ist die Reduzierung des Menschen auf seine Sterblichkeit und damit auch die Sinnlosigkeit des Ganzen. In ihrem Nachwort macht Ursula März auch noch einmal klar, dass selbst die Unterhaltungen zwischen den beiden Männern weder Kriegserlebnisse beinhalten oder sich um die jeweilige militärische Karriere drehen. Alles was besprochen wird ist das eigene Schicksal, die schwindenden Chancen auf Rettung und die Frauen, die sie kannten und liebten.
Der amerikanische Soldat stirbt bereits am dritten Tag, der deutsche Matrose bleibt allein zurück und man folgt ihm, wie er nicht nur unter dem Wasser- und Nahrungsmangel leidet, sondern auch an Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit zu Grunde geht. Der immer stärker durchbrechende Wahnsinn auf Grund der aussichtslosen Situation nimmt von Seite zu Seite zu, Selbstgespräche werden häufiger, Wahnvorstellungen und Halluzinationen greifen um sich. All das wird sehr eindringlich geschildert, unterbrochen von nüchternen und lexikonartigen Einschüben zur Bekömmlichkeit und dem Salzgehalt von Meerwasser, Halluzinationen oder der Strapazierfähigkeit der menschlichen Haut.
Zur "Hoffnung" schreibt der Autor beispielsweise: "Unter dem Begriff 'Hoffnung' versteht man einen auf etwas Bestimmtes ausgerichteten Wunsch, gleichgültig, ob dieser Wunsch erfüllbar ist oder nicht. Die Hoffnung ist eine der stärksten Triebfedern des Lebens und in Grenzfällen sogar mit dem Selbsterhaltungstrieb identifizierbar. Die gebräuchlichen Religionen haben ihre Gottesbegriffe und Glaubenssätze stets innig mit den ihnen zusagenden Hoffnungs-Aspekten verwoben." (S. 125) Klar und emotionslos werden hier gewisse Teilaspekte der Geschichte geschildert, die von den Protagonisten in diesem Moment garantiert nicht so nüchtern betrachtet werden.
Damals und heute ist es ein Antikriegsroman, der aber in der heutigen Zeit auch andere Bilder hervorruft, wie Ursula März feststellt: "Wer heute, im Jahr 2018, 'Nichts in Sicht' in die Hand nimmt, hat es mit einer Erzählung von besonderer und beklemmender Aktualität zu tun. Schwerlich lässt sich beim Lesen den medialen Bildern ausweichen, die das Elend im Mittelmeer treibender afrikanischer Flüchtlinge vor Augen führen." (S. 169)
Damals aktuell, heute aktuell und zu Recht ein Klassiker, der sich diese schicke Neuauflage absolut verdient hat!