Posdnyschew, Mörder seiner Frau, wegen Handelns aus Eifersucht freigesprochen, frühzeitig ergraut, mit blitzenden Augen und nervösem Gebaren, hört auf einer längeren Zugfahrt, wie die Reisenden über Liebe als Grundbedingung für eine glückliche Ehe diskutieren - eine Ansicht, die vor allem von einer nicht mehr jungen, nicht sonderlich attraktiven, rauchenden Dame vertreten wird. Ein alter Kaufmann dagegen vertritt rigoros patriarchalische, antiquiert anmutende Ansichten. Endlich, nachdem die meisten ausgestiegen sind, erzählt Posdnyschew seine Geschichte: Mit 30 Jahren, nach Jahren der sexuellen Ausschweifung, beschliesst er zu heiraten. Obwohl er körperliche Begehrlichkeiten als »tierisch« ablehnt, ist er von den sinnlichen Reizen seiner Braut angezogen und fasziniert. Im Laufe der folgenden Jahre bekommen sie fünf Kinder. Seine Gattin - sie ist eine nun dreissigjährige Schönheit - erfährt, dass sie aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder mehr bekommen darf. Dem eifersüchtigen Ehemann ist die Loslösung der Sinnlichkeit von der Zeugung zuwider. War doch das Gebären und Nähren der Kinder in seiner Wahrnehmung die einzige Versicherung gegen die mögliche Untreue seiner Frau. Das Liebesleben der Posdnyschews ist nun die blosse Befriedigung der Leidenschaft; da es zu keiner Schwangerschaft kommt, »dagegen lehrten sie die Ärzte ein Mittel« (Kapitel XVIII, erste Seite), erscheint ihm der Geschlechtsverkehr als sittenlos. Posdnyschews Frau, deren Name im Roman nicht genannt wird, widmet sich nun ihren persönlichen Neigungen, besonders dem Klavierspiel. Ihr Mann argwöhnt, dass sie nach einer neuen Liebe Ausschau hält, und er vergeht vor Eifersucht, wenn sie in dem gemeinsamen Haus mit dem Geiger Truchatschewskij musiziert, unter anderem Beethovens Kreutzersonate. So kommt es zur Zuspitzung des Ehekonflikts, er tötet die vermeintliche Ehebrecherin.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Bewertung
5/5
08.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr aktuell und tiefgründig
Ein Buch, welches zum nachdenken anregt und sehr viel über uns als Gesellschaft aussagt. Einfach ein Buch welches nachhallt und viel Freiraum für personenbezogene Fragen lässt, mit denen man sich lang beschäftigen kann, um auf eigene Schlüsse zu kommen. Toll und lesenswert!
MaWiOr
aus Halle
5/5
27.07.2021
Buch (Taschenbuch)
Die Erstveröffentlichung der…
Die Erstveröffentlichung der Novelle „Kreutzersonate“ von Leo Tolstoi erfolgte 1890 zunächst in deutscher Übersetzung. Die russische Ausgabe erschien wahrscheinlich ein Jahr später. Die Novelle besteht aus 28 relativ kurzen Kapiteln und einem langen auktorialen Nachwort. Während einer nächtlichen Eisenbahnfahrt im winterlichen Russland entspinnt sich zwischen den wechselnden Fahrgästen eine Diskussion über Liebe und Ehe, über Moral und Gesellschaft. Beteiligt an dem langen Gespräch, das sich über drei Kapitel hinzieht, sind u.a. ein alter Kaufmann, der noch den altrussischen Traditionen anhängt, oder eine junge Dame, die dagegen allem „Neuen“ aufgeschlossen ist. In den restlichen Kapiteln erzählt der ehemalige Gutsbesitzer Posdnyschew einem Mitreisenden den tragischen Verlauf seiner Ehe. Eine Beziehung aus quälenden Missverständnissen, gegenseitigem Quälen und unbegründeter Eifersucht. Schließlich das Geständnis, dass er zum Mörder seiner Frau wurde. Höhepunkt und Anlass der Mordtat war Beethovens Sonate Nr. 9 „Kreutzersonate“, ein Stück für Violine und Klavier, das durch Posdnyschews Frau und einen Musiker namens Truchatschewski aufgeführt wurde. Als der Ehemann überraschend nach Hause zurückkehrte und die beiden „ertappte“, wie sie einträchtig beim Essen saßen, kommt es zu der Mordtat. „Kreutzersonate“ ist ein bedeutendes Alterswerk Tolstoi, in dem die eigenen sozialkritischen und moralischen Positionen zum Ausdruck kommen. Vor allem im Nachwort, das erst drei Jahre nach der Novelle erschien, legte Tolstoi seine Kritik an der gesellschaftlichen Auffassung von Liebe und Ehe dar. So spricht er sich für eine umfassende sexuelle Enthaltsamkeit von Mann und Frau aus. Seine pessimistische Einsicht gipfelte in der Äußerung „Eine christliche Ehe gibt es nicht und hat es nie gegeben“. Die Novelle ist jetzt in der neuen Klassikerreihe „Penguin Edition“ erschienen, die auf populäre Klassiker der Weltliteratur mit einer kultig bunten Ästhetik wieder aufmerksam machen will. Ergänzt wird die Ausgabe (Übersetzung von Olga Radetzkaja) durch ein Nachwort der russischen Lyrikerin und Übersetzerin Olga Martynova.
Patrick Nagl
aus Wien
5/5
13.01.2021
Buch (Taschenbuch)
Eine Zugreise
Eine Zugreise mit Folgen. Zwei einander noch unbekannte Herren begegnen sich in einem Zugsabteil, als Einer dem Anderen den Eifersuchtsmord an seiner Frau gesteht. Ein bedrückendes und sehr moralisches literarisches Zeitdokument aus einer dunklen Epoche.
Simon Garfield
5/5
11.06.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr gut, sehr schräg
Hier beschreibt er detailreich Probleme zwischenmenschlicher Beziehung, allgemein und speziell.
Bewertung
aus Olten
5/5
13.03.2014
Buch (Gebundene Ausgabe)
Er sah meine Frau an, wie alle sittenlosen Männer ''..
..hübsche Frauen anzusehen pflegen'.. ' schreibt Tolstoi über den Geiger Truchatschewskij. Das "zu spät", das sich in Podzdnysevs Name birgt nimmt sein Leiden voraus. Zu spät hat er die Lügenhaftigkeit der gesellschaftlichen Normen und Werte erkannt, die in ihm sich aufbauende Diskrepanz die er sich als junger Mann noch nicht erklären konnte.
Unterwegs mit der Bahn kommen zwischen einigen Reisenden Themen wie Ehe, Scheidungen und Bildung auf. Unter Ihnen ist Posdnysev der seine Ehefrau umgebracht hat. In der Folge schildert er dem Ich-Erzähler wie es dazu kommen konnte. Er erzählt von jugendlichen Ausschweifungen, die ihn um die Möglichkeit gebracht hätten ein ideales reines Familienleben zu begründen.
In eine junge Frau verliebt hält er um ihre Hand an und heiratet sie. Glücklich sind die beiden nicht geworden. Für ihn heiligt Kindergebären und sie nähren die Ehe, ist die Aufgabe der Ehefrau und vorher, so meint er, sollte Jungfräulichkeit ihr höchster, idealster Zustand sein. Als seine Ehefrau mit Truchatschewskji zu musizieren beginnt, wächst seine Eifersucht ins unermessliche. Durch Beethovens Kreutzersonate fühlt er sich diesem Hypnotiseur, wie er den Geiger insgeheim nennt, und dieser ihn erregenden Musik, ausgeliefert, in eine andere Wirklichkeit versetzt. Solch strahlende Augen hat er an seiner Ehefrau noch nie gesehen, diese Hingabe, was er der gleichen Ursache zuschreibt. Seine Eifersucht wächst ins unermessliche. Als er aus der Kreisversammlung vorzeitig zurückkehrt trifft er seine Gemahlin und Truchatschewskji, die zusammen musiziert haben. In blinder Raserei ermordet er seine Frau.
Die Geschichte moralischer und physischer Zerstörung zweier Menschen, beide unfähig wirklich zu lieben.
Ein Kreuzzug gegen die Ehe? Das sehe ich anders. Strebte Tolstoi doch eine Reform des Zusammenlebens der Geschlechter an, ein Thema das auch heute an Aktualität nicht verloren hat.
Tolstoj's Denken half objektive Misstände aufzudecken, möglicherweise Misstände nicht ausschliesslich des 19. Jahrhunderts. Wahrheitssuche war seine Triebfeder.
Und deswegen meine Empfehlung: unbedingt lesen.