"GRM" beginnt im England einer nahen Zukunft, wo der Neoliberalismus besonders gründliche Arbeit geleistet hat. Die Helden: vier Kinder, die nichts anderes kennen als die Realität des gescheiterten Staates. Die Hoffnung, in die sie sich flüchten, ist Grime, kurz GRM. Grime ist die größte musikalische Revolution seit dem Punk. Als die vier begreifen, dass es zu Hause keine Zukunft für sie gibt, brechen sie nach London auf. Jeder, der sich hier einen Registrierungs-Chip einpflanzen lässt, erhält ein wunderbares Grundeinkommen. Die Bevölkerung lebt in einer perfekten Überwachungsdiktatur. Die vier Kinder aber versuchen, außerhalb des Systems zu überleben. Sie starten ihre eigene Art der Revolution.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Galladan
aus Niederrhein
5/5
05.07.2022
Hörbuch-Download
Verstörende, aber mögliche Zukunftsversion
GRM: Brainfuck von Sibylle Berg, gelesen von Torben Kessler und Lisa Hrdina, erschienen im Argon Verlag als ungekürztes Hörbuch am 26. Juni 2019.
Rochdale, eine kleine englische Stadt ist der Ausgangspunkt für die Geschichte von vier Kindern, eigentlich schon Jugendlichen. Die Gruppe bestehend aus Don, Karen, Hannah und der autistische Peter werden ausgegrenzt, ohne Liebe verlassen und ausgenutzt. Die vier sinnen auf Rache die sie im Laufe der Geschichte nach London führt.
Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft. Man bekommt ein Grundeinkommen, sobald man sich einen Chip implantieren lässt, der für eine Elite alle Daten der Menschen erfasst. Mehr und mehr werden die Menschen, die sich dieser Überwachung entziehen ausgegrenzt und leben nur noch am Rande der Gesellschaft. Die Autorin integriert verschiedene tatsächlich stattgefundene Ereignisse in die Geschichte wie die Zwangsprostitution, die in Rochdale tatsächlich stattgefunden hat und nie juristisch aufgearbeitet wurde, genau wie den Hochhausbrand und den latent vorhandenen männlicher Chauvinismus, der bei Sibylle Bergs Buch wieder zur anerkannten Gesellschaftsform mutiert.
Sibylle Berg kann schreiben, aber dieses Hörbuch ist durch ihre Art zu schreiben und uns immer wieder damit zu konfrontieren, was in den Hirnen mancher Menschen vorgeht und nicht stoppt bei Mediensprech wie die Umschreibung sexualisierte Gewalt, sondern uns knallhart wissen lässt was da geschieht, schon sehr hart zu hören. Damit will man ja nichts zu tun haben und am liebsten laut LaLaLa singen, damit es schnell vorbei ist. Ist es aber nicht und Berg zeigt nicht nur mit dem Finger drauf, sie klatscht es einem mit ihrer Art zu schreiben und einer gewissen Polemik auch immer wieder um die Ohren.
Torben Kessler und Lisa Hrdina lesen eindringlich und so, dass man sich in der Geschichte wiederfindet, was handwerklich erstklassig gemacht ist, mich aber z.T. sehr gestresst hat, da der Inhalt des Buches mir mit dem Vortrag sehr an die Nieren ging.
Das Buch ist gut, wir sollten uns alle mit solchen Themen beschäftigen und ich werde die Tage auch den nächsten Band hören. Liegt schon bereit. Mein Hirn braucht nach so viel ungeschminkter Wahrheit aber einige Tage Entspannung.
Sursulapitschi
4/5
22.06.2022
Hörbuch-Download
Ein bitterböses Buch
Was bitterböses Buch! Eigentlich ist es eine Schmähschrift gegen fast alles. Hier kann man miterleben, wie sich die Gesellschaft selbst zerlegt. Die Dummen sind selbst Schuld, wenn sie bekommen, was sie wollten und es dann nicht so toll ist, wie erwartet. Hat irgendwer wirklich geglaubt, es gäbe ein Grundeinkommen für jeden ganz umsonst? In einer gnadenlosen Abwärtsschraube verstrickt sich eine Gesellschaft in den eigenen Regeln und endet im absoluten Überwachungsstaat mit willenlosen Menschen, die nur noch ihre Pillen brauchen. Zum Glück ist es nur England, die waren ja schon immer anders.
Lauter kleine, fiese Episoden demonstrieren hier, wie es sich so lebt in dieser Welt, in der ein Mensch nicht mehr zählt, nur seine Nützlichkeitsstatistik. Als roter Faden dient eine Gruppe von Jugendlichen, denen über mitgespielt wurde, die sich zusammengetan haben, Grime hören und Rachepläne schmieden.
Der Stil ist so eigen wie das Thema. Es ist faszinierend, wie jemand gleichermaßen rotzig und poetisch erzählen kann. Der Text spart nicht mit F*- und Sch*- Worten, ist aber trotzdem erlesen komponiert, amüsiert und schockiert gleichermaßen, ein Feuerwerk an gemeinen Ideen.
Höchstes Lob gebührt den beiden Sprechern des Hörbuchs. Lisa Hrdina und Torben Kessler lesen diesen anspruchsvollen Text, als würden sie nie etwas anderes tun satte 16 Stunden und 56 Minuten lang. Es macht großen Spaß, ihnen zuzuhören.
Dies Buch ist ein Erlebnis und zwischendurch auch ein Spaß, allerdings hätte es die Spur mehr Handlung vertragen können. So wirkt es fast wie eine Generalabrechnung mit allen Übeln der Wohlstandsgesellschaft, eine Wutrede gegen „die da oben“ und gleichzeitig eine Satire über die, die da wüten. Es ist schwer festzumachen, was wir denn anklagen, wenn doch einfach alles sch ist.
Immerhin weiß ich das jetzt.
Bewertung
5/5
14.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich hab mich zuerst in Sibylle...
Ich hab mich zuerst in Sibylle Bergs Podcast verliebt, dann direkt in ihre Bücher. Was für eine faszinierend, fantastische Abbildung der Realität sie mit ihren Geschichten erschafft, ist zugleich gruslig als auch sehr sehr einzigartig. Sehr zu empfehlen!
Bewertung
5/5
16.02.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Krasser Stoff, krasse Autorin und krass intensiv. So geht Dystopie!
Böse, zynischer - Berg. Oder auch: Despentes, Houllebeq - Berg. Die Reihenfolge deutet es schon an. Mit ihrem neuen Meisterwerk steckt Sibylle Berg die beiden französischen Zeit- und Geistesgenossen in puncto Radikalität, Kompromisslosigkeit und Aussichtslosigkeit locker in die Tasche. Dabei möchte Sibylle Bergs Gesellschaftsroman nicht als Dystopie verstanden werden; vielmehr beschreibt die Autorin laut eigener Aussage die Gegenwart, bzw. das, was den modernen westlichen Staaten in sehr naher Zukunft bevorstehen wird.
"GRM" spielt in England einige Zeit nach dem Brexit. Der Neoliberalismus hat die gesellschaftlichen und sozialen Strukturen zerstört. Es herrscht ein autokratischer Staat. Viele Menschen sind mittlerweile gechipt, die Gesichtserkennung leistet ganze Arbeit und das Bonuspunkte- und Überwachungsprogramm nach chinesischem Vorbild zeigt seine volle Wirkung. Es gilt, positive Karmapunkte zu sammeln.
Bedeutet: Nach außen hin ist das Land scheinbar befriedet, alles geht ruhiger, geordneter und weniger gewalttätig als früher vonstatten, denn hurra: Das bedingungslose Grundeinkommen ist da! Aber wie sieht es im Inneren des Menschen aus? Da sich niemand mehr traut, auch nur geringfügig von der vorgegebenen Norm abzuweichen, kuscht ein Gros der Bevölkerung. Der totale Überwachungsstaat ist Realität geworden.
Denn: Der Staat weiß alles über dich: Schuhgröße, politische Ausrichtung, sexuelle Orientierung, Essgewohnheiten, Bankdaten, Krankenakte, Arbeitgeberinfo, Einkommen, Vorstrafen und vieles mehr. Gibt der Chip nicht alle Daten her, erledigt der biometrische Gesichtsscan den Rest und legt alles offen.
Alles wird erfasst, was dazu führt, dass immer mehr Menschen mit einer Bodycam unterwegs sind, da der Bürger im Fall der Fälle seine eventuelle Unschuld dokumentieren und beweisen möchte. Aber letzen Endes entscheidet das System, ob du nützlich oder schädlich bist.
Die Leute gehen nicht mehr auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren. Ehemalige Hacker haben ihre anarchistischen Pläne fallen gelassen und arbeiten lieber für den Staat; einer der letzten Arbeitgeber, der noch Sicherheit verspricht. Ansonsten wurden und werden viele Menschen durch Roboter ersetzt. Ganze Berufszweige verschwinden; Stellen werden einfach ersatzlos gestrichen. Glücklich kann sich schätzen, wer immerhin einen Einstundenvertrag ergattern durfte.
Die Menschen sind apathisch; aber zum Glück gibt es die Gute-Laune-Pille. Alles Wollen verschwindet; man ist bedingungslos zufrieden; gut für das System. Die Pillen eliminieren das logische Denken und die Kreativität, während Endgeräte bzw. Smartphones die kognitiven Fähigkeiten töten. Verblödete Zombies sind das gewünschte Ergebnis. Gechiptes Handgelenk an den Scanner und es ist bezahlt; am besten via Kryptowährung.
Und damit der Horror kein Ende nimmt, lassen sich manche freiwillig die Hand amputieren. Die mechanische Hand funktioniert einfach besser als die biologische. Und wenn wir schon dabei sind: Wozu benötige ich mein natürliches Bein, wenn es das smarte Bein gibt? Also weg damit!. Selbstoptimierung galore. Die Sexroboter erledigen dann den Rest.
Das Bargeld steht kurz vor der Abschaffung, der Himmel wird mit Chemtrails besprüht und in vielen europäischen Staaten haben die Bevölkerungen konservative oder sogar rechtsnationale Regierungen gewählt, um der befürchteten Umvolkung entgegenzuwirken. Demnach kennt sich Sibylle Berg mit Verschwörungstheorien, die sie en passant mit einflechtet, aus. Überhaupt wird beim Lesen von “GRM“ deutlich, wie umfassend informiert die Autorin einerseits ist und andererseits das Zeitgeschehen intelligent einordnet und in eine nahe Zukunft weiterspinnt.
Viele landen auf der Straße, erkranken, verwahrlosen und siechen dahin. Einige nehmen Drogen und ergehen sich in abartigen sexuellen Praktiken. Auch innerhalb der Familien sieht es nicht besser aus. Dort herrschen Bildungslosigkeit, Verarmung, Gewalt und Missbrauch.
Die vier Jugendlichen Hannah, Karen, Don und Peter machen sich aus dem nordenglischen Rochdale nach London auf, um dem Elend zu entfliehen.
Dort angekommen, finden sie in den Außenbezirken eine stillgelegte Fabrikhalle, wo von gelegentlichen Drohnenflügen abgesehen keinerlei Überwachung stattfindet. Das ideale Refugium, um eine Attacke auf das System zu starten. Also kippen sie Testosteron vernichtende Viren in die Trinkwasserversorgung, ist doch dieses Hormon ihrer Auffassung nach für nicht wenig Leid auf der Welt verantwortlich. Der Plan geht auf, Unlust macht sich in der Bevölkerung breit, es wird friedlicher. Ob das schon die Rettung war?
Ähnlich wie in Bela B Felsenheimers aktuellem Roman „Scharnow“ werden hier die Perspektiven permanent gewechselt. Alle paar Seiten schildert die Autorin in ihrer auktorialen Erzählweise das Empfinden eines anderen Protagonisten. Die Übergänge zwischen dem Erleben der jeweiligen Menschen sind fließend, so dass man das Gefühl hat, es handle sich um ein kollektives Bewusstsein, das hier wahrnimmt. Dabei kultiviert Sibylle Berg einen sarkastischen, nüchternen und knappen Stil – kein Wort zu viel.
Insgesamt ein Roman, der an die Nieren geht, betroffen macht und einem manchmal das Weiterlesen schier unmöglich macht. Ist alles wirklich schon so schlimm? Sibylle Berg würde sagen: Ja!
Es schreit regelrecht aus den Zeilen heraus: Schaut hin! Informiert euch! Werdet wach! Was gleichzeitig als ein Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit und Empathie verstanden werden kann. Sollte es doch so übel kommen, wie hier beschrieben, können wir nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst. Frau Sibylle hat es uns gesagt.
Krasser Stoff, krasse Autorin und krass intensiv.
Bewertung
5/5
11.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
GRM
Wenn Sie "Brave New World" in fesselnder Erinnerung haben, legen Sie "GRM", eine packende Dystopie von Sibylle Berg, sicher nicht mehr aus der Hand.