Kriminaldirektor a. D. Manz hat sich behaglich eingerichtet in seinem Ruhestand im Dresdner Umland. Er rudert auf der Elbe, kümmert sich um seine Enkelkinder. Doch dann reißt ihn ein Brief der Staatsanwaltschaft Berlin aus seinem Alltag: Manz soll vor Gericht aussagen. Es geht um einen Mord im Jahr 1990, seinen letzten Fall in Berlin, den er nicht mehr abschließen konnte, weil er versetzt wurde. Jetzt, über zwanzig Jahre später, scheint der Mörder gefunden. Und es geschieht, was Manz nie wollte: Er versinkt in der Vergangenheit, in alten Denkmustern, und auch Vera erscheint vor seinem inneren Auge, die Kollegin, mit der er damals zusammengearbeitet hat und die sich kurz darauf das Leben genommen hat. Haben sie bei ihren Ermittlungen einen Fehler gemacht? Beim Prozess in Berlin muss Manz feststellen, dass etwas gründlich schiefläuft. Steht ein Unschuldiger vor Gericht? Die Aufklärung des Falls verschränkt sich untrennbar mit Manz' Blick in seine eigene Vergangenheit, der Auseinandersetzung mit sich selbst, seinem älterwerden - und all das vor dem Hintergrund der wiedervereinigten Bundesrepublik.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Bewertung
5/5
03.07.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
guter Schreibstil, der Lust auf mehr macht
Ich habe Vor Gericht zu Ende gelesen und muss sagen dass Matthias Wittekindt ein gutes Buch gelungen ist. Ich war von Anfang bis Ende mit dabei. Es gab zwar minimale Längen in dem Buch, doch es ging ja auch um einen Fall vor Gericht und wer das weiß, weiß auch dass es da nicht Achterbahnmäßig zugeht.
Ich fand es interessant und authentisch geschrieben. Ein gutes Buch, dass ich gerne an andere Leser weiterempfehlen kann.
Christian1977
aus Leipzig
5/5
19.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Zweifel des Kriminaldirektors a. D.
Kriminaldirektor a. D. Manz lebt in der Nähe von Dresden, wo er leidenschaftlich rudert und sich mit seinem Ruhestand arrangiert hat. Als ein Brief der Staatsanwaltschaft Berlin eingeht, hat die Beschaulichkeit ein Ende. Der 73-Jährige muss vor Gericht aussagen, denn in seinem letzten Berliner Fall vor der Versetzung nach Dresden haben sich dank eines DNA-Gutachtens neue Hinweise ergeben. Allerdings liegt das Verbrechen mittlerweile fast 30 Jahre zurück. Und so liest sich Manz ein in die Akten des damaligen Falles und versinkt dabei fast unmerklich nach und nach in der Vergangenheit...
"Ein alter Fall von Kriminaldirektor a. D. Manz" ist der Untertitel von Matthias Wittekindts neuem Kriminalroman "Vor Gericht". Und so unspektakulär dieser Untertitel auf dem ersten Blick anmutet, so wunderbar aus der Zeit gefallen ist der gesamte Roman. Wittekindt nimmt sich viel Zeit für die Einführung seines Protagonisten Manz, dessen Vorname im gesamten Buch nur ein einziges Mal auftaucht. So wird aus dem Kriminaldirektor a. D. ein wunderbar vielschichtiger Charakter. Ein Mann, der sich im Privatleben einen Fehltritt erlaubt hat, dessen Genauigkeit im Beruf aber über jeden Zweifel erhaben scheint. So glaubt es auch Manz selbst lange Zeit, ehe im letzten Drittel des Romans auch hier der große Selbstzweifel einsetzt. Wenn Manz in die Vergangenheit eintaucht, darüber die Gegenwart fast vergisst, Selbstgespräche führt und ihn eine große Melancholie überfällt, nimmt der Leser Anteil an dieser Figur mit all ihren Fehlern und Schwächen.
Der Roman selbst ist in zwei Teile gegliedert. Im längeren ersten Teil vermischen sich Manz' Gegenwart mit dem Studium der Akten. In Rückblicken zeigt Wittekindt detailliert die verschiedenen Verhöre auf und baut dadurch trotz - oder gerade wegen - dieser Details und der dazugehörigen Langsamkeit eine intensive Spannung auf. Fast folgerichtig scheint die Veröffentlichung von "Vor Gericht" im Kampa-Verlag zu sein, dem Verlag, der Georges Simenons Maigret zurück in die Gegenwart holte. Mehr als einmal erinnern diese ausschweifenden Verhöre an den belgischen Meister. Wunderbar gelungen ist in diesem Zusammenhang auch die ambivalente Charakterisierung des Mordopfers Regina Zeisig. Eine Frau, die Wahlwerbung für die Republikaner betreibt, aber Armenpakete nach Osteuropa schickt. Eine Vegetarierin mit Lust auf Currywurst und weniger Lust auf Hähnchen.
Der zweite Teil, der etwa 100 Seiten einnimmt, spielt dann vor dem Berliner Gericht. Ohne große Brüche lässt Wittekindt seine Leser*innen am Verhandlungsverlauf teilnehmen, erfasst jede Regung - und stürzt sie gemeinsam mit Manz in ein Meer aus Zweifeln.
Mit "Vor Gericht" ist Matthias Wittekindt somit abermals ein großer Wurf der deutschen Kriminalliteratur gelungen. Tolle Dialoge, starke Figuren und ein rätselhafter Kriminalfall, der laut Anmerkung des Autors lose auf einem wirklich stattgefundenen Prozess basiert, machen den Roman zu einem großen und unterhaltsamen Lesevergnügen.
Bewertung
5/5
11.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der assoziative Sprung ins Gebüsch
Sein Beruf liegt lange hinter ihm, die Fälle ordentlich weggepackt, der ehemalige Kriminaldirektor genießt seinen Ruhestand.
Zugegeben, diese Konstellation hatte man schon öfter: der alte Polizeibeamte und ein (Very) Cold Case.
Aber hier bewegt man sich mit dem Ex- Ermittler aus Berlin nicht nur ganz physisch auf seinen Spaziergängen, sondern folgt ihm gedanklich zurück in die Akten eines verzwickten Mordfalls, bei dem das Opfer womöglich nicht nur Opfer ist.
Raffiniert entwickelt sich die Geschichte mit steigender Spannung, sprachlich wunderbar die Gedankensprünge und Verunsicherungen des Ermittlers zwischen Beruflichem und Privatem.
Mein erster "Wittekindt" und sicherlich nicht der letzte!
Manfred Fürst
aus Kirchbichl
4/5
11.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Manz stellt sich der Vergangenheit
Matthias Wittekindts Roman "Vor Gericht". Ein alter Kriminalfall für Kriminaldirektor A. D. Stephan Manz, der sich plötzlich genauer an die weit zurückliegenden Ereignisse erinnern kann, als er sie je erlebt hat. Er begreift erst spät, worum es wirklich geht.
Es könnte nicht schöner sein, sein Leben in der Pension. Bald fünfzig Jahre mit Christine verheiratet, kümmert sich um die Enkelkinder, rudert auf der Elbe mit seinen Mitsiebzigern und plant den nächsten Kajak-Urlaub in Norwegen.
Doch diese Idylle wird jäh gestört durch einen Brief der Staatsanwaltschaft Berlin: Manz soll vor Gericht aussagen. Es geht um eine Mordermittlung aus dem Jahr 1990, also vor fast dreißig Jahren, seinen letzten Fall in Berlin, den er nicht mehr abschließen konnte, weil er nach Dresden versetzt wurde. Wenige Tage vor Weihnachten war damals die 62-jährige Regina Zeisig im Neuköllner Ortsteil Buckow erwürgt worden. Im Kriminalgericht Moabit findet der Prozess mit dem Angeklagten statt. Zu Manz Überraschung sitzt ausgerechnet derjenige auf der Anklagebank, den Vera und er damals als einzigen ausgeschlossen hatten: Milan.
Der Kriminalroman ist in zwei Teile gegliedert: „Recherche“ und „Vor Gericht“. Im ersten arbeitet Manz sich in den alten Fall ein, liest die Akten noch einmal, die ihm ein Freund und ehemaliger Kollegen überlässt. Im zweiten wird es spannender, weil alle wissen wollen: Wer ist den nun der wirkliche Mörder?
Xirxe
aus Hannover
4/5
23.08.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Blick in die Vergangenheit
Kriminaldirektor a. D. Manz genießt seit mehreren Jahren seinen Ruhestand und widmet sich mit Hingabe seinen Enkelkindern und seinem neuen Hobby Rudern. Da erreicht ihn ein Brief der Staatsanwaltschaft Berlin, in dem er aufgefordert wird vor Gericht auszusagen in einem 30 Jahre zurückliegenden, noch immer ungeklärten Mordfall. Es war sein letzter Fall, bevor er nach Dresden versetzt wurde und Manz beginnt, die Akten von damals einer genauen Prüfung zu unterziehen – und ganz nebenbei auch sein Leben.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Im Ersten lernen wir Manz und seinen Alltag kennen, seine Familie und seine Freunde aus dem Ruderclub. Parallel dazu lesen wir mit ihm die Akten zu dem Mordfall und nehmen teil an seinen Gedanken und Erinnerungen, die nicht nur den Fall betreffen sondern auch sein Privatleben, das zu jener Zeit in, nun ja, eher etwas unruhigen Bahnen verlief. Im zweiten Teil steht Manz vor Gericht um seine Aussage zu machen – aber im übertragenen Sinn auch vor sich selbst, um sein Handeln in jener Zeit vor sich selbst zu rechtfertigen und zu erklären.
Matthias Wittekindt beschreibt hier überaus authentisch einen Menschen, der sich, wie er es aus seinem Beruf gewohnt war, nicht nur mit einem alten Fall, sondern auch mit seinem Leben, damals und heute, gewissenhaft auseinandersetzt. Es ist eine ruhige, fast schon beschauliche Geschichte, die trotz ihrer fast völligen Unaufgeregtheit spannend bleibt, wobei das frühere und jetzige Leben des pensionierten Manz mindestens ebenso viel, wenn nicht sogar mehr Interesse weckt als der immer noch viele Fragen aufwerfende Mordfall.