„Der sehnsüchtig erwartete Erzählband ‚Daddy‘ ist ein würdiger Nachfolger von Emma Clines Debüt ‚The Girls‘.“ Esquire
In ihrem Haus in Südkalifornien erwarten Linda und John sehnsüchtig die Ankunft ihrer Kinder. Es könnte ein idyllisches Familienfest werden – wären da nicht die Gespenster von Zorn und Traurigkeit. Emma Cline erzählt von Männern, die gefangen sind in mühsam errichteten Selbstbildern, von Frauen auf der Suche nach dem Reiz der Grenzüberschreitung, von Familienvätern, die die Vergangenheit einzuholen droht. „Daddy“ ist ein funkelndes Psychogramm unserer Gegenwart: Erzählungen über die andauernden Widersprüche unserer Beziehungen, den Kampf gegen den männlichen Blick, das Ausloten von Weiblichkeit. Nach ihrem fulminanten Debüt „The Girls“ beweist Emma Cline erneut die ganze Bandbreite ihres Könnens.
Kundinnen und Kunden meinen
3.6/5.0
Bewertung
5/5
30.04.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Emma Cline schreibt Geschichten...
Emma Cline schreibt Geschichten mitten aus dem Leben. Sie sind manchmal belanglos und erschreckend normal, manchmal erschütternd und angsteinflößend. Sie alle haben etwas gemeinsam: Es könnte unser Leben sein, unsere Langeweile, unserer Schmerz und unsere Angst.
Samantha Faye
aus Freihung
5/5
28.08.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vater werden ist nicht schwer, Vater sein ...?
Emma Cline hatte ihren großen Durchbruch mit "The Girls". In diesem Buch schildert sie literarisch geschliffen wieso soviele Mädchen und junge Frauen für Charles Manson fallen konnten. Ich hatte es gelesen und liebe es.
In diesem Hardcover sind zehn Short Stories enthalten, die zuvor in diversen erstklassigen Tabloids erschienen waren. Nun sind sie hier gebündelt. Der Titel paßt! Alle zehn haben einen roten Faden, der Väter oder väterliche Figuren involvieren, entweder als treibender Charakter oder als wichtige Nebenfigur.
Was macht man mit einem General / Los Angeles / Menlo Park / Sohn von Friedman / Das Kindermädchen / Arcadia / Northeast Regional / Marion / Mackie Messer und A/S/L sind die Titel in chronologischer Reihenfolge.
Linda und John erwarten einen Teil ihrer fünf Kinder zum Weihnachtsfest. Diese trudeln auch ein. Allerdings drängt sich Dunkelheit aus der Vergangenheit zwischen sie. Immerzu scheint der Anhauch früherer Verletzungen aufzuscheinen.
Verkäuferin Alice kommt auf eine ungewöhnliche Idee, nebenher Geld leicht und schnell zu verdienen, bis ein "Daddy" ihr Ärger zu machen droht.
Ein väterlicher Unternehmer braucht Ben, um sein Buch zu lektorieren und jener ist Gast in seiner Residenz. Bis Ben ein Irrtum unterläuft und er eine fur ihn selbst fatale Entscheidung trifft.
Ein älterer Mann, George, war mal jemand Bedeutendes in der Unterhaltungsindustrie. Sein erwachsener Sohn Benji und er sind entfremdet. Nun soll er der Premiere des Independentfilms seines Sohnes beiwohnen.
Kayla war Kindermädchen, bis sie eine Affäre mit dem Vater des zu betreuenden Kindes, einem Schauspieler, Rafe begann. Ist sie etwa nun die Aussätzige?
Peter und Heddy werden demnächst Eltern. Sie wohnen auf der Farm von Heddys Bruder, Otto. Peter arbeitet mit. Aber Otto hat einen unberechenbaren Charakter.
Richard ist ebenfalls von seinem Sohn, Rowan, entfremdet. Er ist Collegestudent und hat offenbar etwas Schlimmes angestellt. So ist Richard genötigt, an dessen College zu reisen. Zwischen den beiden bricht mehr auf, als es auf den ersten Blick scheint.
Die elfjährige Icherzählerin lebt temporär bei der 13jährigen Marion und deren Eltern auf einer alternativen Farm. Es gibt dort noch andere Aussteiger. Marion bringt mit ihrem sexualisierten Verhalten und Manipulationen die andere bald in des Teufels Küche.
Jonathan ist ebenfalls Vater und geschieden. Er ist knapp über fünfzig und hat eine 32jährige Freundin, Julia. Er changiert zwischen Schwer- und Übermut. Offenbar trauert er seiner Teenagerzeit hinterher.
Thora ist in einer Rehaklinik für Sexsüchtige und bringt einen trügerisch väterlich anmutenden Mann, der ihr persönlich nichts getan hat, mit Lügen in große Schwierigkeiten.
Emma Cline hat hier feingezeichnete psychologische Studien in literarischer Form verfaßt. Über mangelnde Kommunikation, Mißverständnisse, Egoismus und Egozentrik, Frigidität der Emotionen, Manipulierbarkeit und Manipulatoren, nie ausgeheilte psychische Wunden, Fragilität, über die scheinbare Vergeblichkeit allen Mühens an sich. Das sind die Attribute dieser ihrer versierten Kurzgeschichten.
Sie sind sehr gut und fluide zu lesen, aber erschließen sich vollends, wenn man sie reflektiert. So nebenbei lesen läßt sich das Buch nicht und es ist keine leichte, entspannende Lektüre, sondern zeitweise verstörend und stimmt sogar traurig. Auch voller Melancholie über vertane Chancen, Zeit, die vergangen ist und nie mehr wiederkommt. Zerbrochenes in zwischenmenschlichen Beziehungen, das für immer zersplittert bleibt.
Anspruchsvolle Lektüre, aber nicht kompliziert und auch nicht abgehoben.
Es gibt jedoch einen Kritikpunkt am Übersetzer Nikolaus Stingl. Er übersetzt Hochliteratur, aber in vier Geschichten sind ihm grobe Fehler unterlaufen. Aus Sasha wird auf einmal Sarah, aus Tom wird nur noch Tony, aus Mara wird einmal Maja und dann Martha und aus Hartwell Hartmann.
Flüchtigkeitsfehler bei der Orthographie und Grammatik lasse ich mir noch eingehen, wenn diese sich sehr gering halten. Derartig viele Fehler bei den Namen, nein! Vor allem, weil das Buch nicht gerade billig ist. So etwas sollte nicht sein. Nicht so gehäuft.
Danke, Hanser Verlag und Emma Cline!!!!!
Bewertung
5/5
30.07.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die provokante Stimme ihrer Generation
Emma Cline befasst sich in ihren präzisen, eindringlich und klar erzählten Kurzgeschichten mit den großen Themen unserer Zeit: Sexismus, Feminismus, den Selbst- und Fremdbildern von Frauen und Männern. Jenseits von gängigen Geschlechterklischees lotet sie die Grenzen des anerkannt Moralischen aus und führt die Leser*innen tief hinab in die Abgründe der menschlichen Seele. Das faszinierende ihrer Erzählweise ist hierbei nicht das explizit Beschriebene, sondern das viele Ungesagte, die angedeuteten Ereignisse, welche die dunkelsten Phantasien hervorrufen. Ein geniales, provokantes Spiegelbild unserer Zeit- ein absolutes Must-Read für anspruchsvolle, nicht zu zart besaitete Bücherwürmer.
Manfred Fürst
aus Kirchbichl
4/5
11.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
She's crazy like a fool, What about it Daddy Cool
In „Daddy“, mit zehn Kurzgeschichten/Storys, stehen selbstredend Väter im Mittelpunkt. Von ihren erfolglosen Kindern enttäuschte Väter, brutale Väter, Väter, die ihre übergriffign Söhne rauspauken nach dem Motto: Der Papa wird's schon richten. Was freilich nicht gerichtet werden kann, ist die Beziehung zwischen den beiden.
Eine Verkäuferin, die darauf wartet, dass ihre Schauspielausbildung Früchte trägt und mehr aus Langeweile denn Geldnot auf abgelegenen Parkplätzen ihre getragene Unterwäsche verkauft und dabei in eine gefährliche Situation gerät. Eine ebenfalls gelangweilte Hausfrau Mitte 30, die sich online zuerst als naive blonde High-School-Cheerleaderin ausgibt und dann als geiler Mann – und sowohl in der einen wie in der anderen Rolle postet sie Fotos von sich selbst in neckischen Posen. Ein Mann, der irgendetwas angerichtet hat, was genau, wird nicht verraten, aber er hat seinen Job verloren, seine ganze Existenz ist ins Rutschen geraten, und jetzt wird er panisch, weil ihm eine Kontaktlinse hinters Auge gerutscht ist. Emma Clines Figuren sind kaputt.
Kurzgeschichten sind weit anspruchsvoller als Romane. Viel zu kurz, um viel zu erklären. Der Leser ist gefordert. Diese literarische Form ist offen. Bei vielen dieser Väter-Geschichten lässt Emma Cline sie auch zu, diese Offenheit: Es ist vor Weihnachten, die schon flügge gewordenen Kinder kommen über die Feiertage nach Hause, nisten sich wieder ein, Zeit für John, sich zu erinnern, etwa an die Disney-Filme, die sie damals als Familie gemeinsam geschaut haben, und immer war da ein Dad, dem die Töchter fröhlich um den Hals fielen. Zeit auch, sich zu ärgern: Über Chloe, die ihn ungerührt ihres Zimmers verweist, dabei ist er doch nur gekommen, um ein bisschen zu reden. Über Sasha, die während des Tischgebets aufs Handy starrt. „Der Drang, sich das Ding zu schnappen, es zu zerschmettern. Aber am besten nicht wütend werden, sonst würde Linda auf ihn wütend werden, sie würden alle wütend werden. Wie leicht man alles verderben konnte.“
Die Männer bei Emma Cline sind oft bedrohlich. Da küsst ein Vater die eigene Tochter und deren Freundin zur Guten Nacht auf den Mund. Cline beschreibt hier weniger den Vater als die Folgen für die Mädchen, 13 und elf Jahre alt, die auf die sexualisierte Atmosphäre im Haus auf ihre Weise reagieren. Sie blödeln, klauen Unterwäsche, blättern den „Playboy“ durch und fragen sich, ob das Mädchen, das von Roman Polanski missbraucht wurde, schon Brüste hatte und ihre Periode. „Wir waren neidisch, stellten uns einen Freund vor, der einen so sehr begehrte, dass er gegen das Gesetz verstieß.“ „Das Kindermädchen“ ist die stärkste Geschichte des Bandes, zwingend, drängend, dicht.
Illusionslos.
Sommer
aus Nordhorn
4/5
27.08.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Werk das Beachtung finden sollte
Emma Cline war mir im Vorfeld bereits ein Begriff, auch wenn ich damals nur den Rummel um ihren ersten Roman mitbekommen habe. Damischen gerne Kurzgeschichten lese, war ich sehr gespannt auf diese Sammlung.
Hier bekommt der Leser 10 Kurzgeschichten präsentiert die größtenteils überzeugen konnten. Natürlich empfand ich nicht alle überragend, aber die Autorin hat es dennoch geschafft mich an den einzelnen Schicksalen teilhaben zu lassen, beim einen mehr, beim anderen weniger. Wie der Titel schon suggeriert geht es hier um die Rolle der Väter. Die Facette der Möglichkeiten ist breit gefächert und daher erleben wir in den 10 Stories auch tatsächlich 10 verschiedene Charaktere, mit jeweils anderen Sorgen und Problemen. Das ist dann auch die Einleitung zu meinem Kritikpunkt. Ich hätte mir durchaus auch positive Geschichten gewünscht, doch hier sind die Ängste im Vordergrund und die schlechten Erfahrungen. Aber das ist klagen auf hohem Niveau, denn sprachlich sind sie top. Außerdem stelle ich es mir bei dem geringen Umfang auch schwierig alles unterzubringen, ihr Fokus lag wohl eher auf den schlimmen Eindrücken.
Ein Werk, das Beachtung finden sollte!