In unserer Gesellschaft wird Weiblichkeit gleichgesetzt mit Fürsorglichkeit. Frauen sind, ob in der Familie, in Beziehungen oder im Beruf, zuständig für emotionale Zuwendung, für Harmonie, Trost und Beziehungsarbeit - für Tätigkeiten also, die unsichtbar sind und kaum Anerkennung oder Bezahlung erfahren. Sie "schulden" anderen - der Familie, den Männern, der Öffentlichkeit, dem Arbeitsplatz - ihre Aufmerksamkeit, ihre Liebe, ihre Zuwendung, ihre Attraktivität, ihre Zeit. Und kämpfen jeden Tag gegen emotionale und sexuelle Verfügbarkeitserwartungen. Es sind diese allgegenwärtigen Ansprüche, die Frauen in die Erschöpfung treiben. Denn - deklariert als "weibliche Natur" - ist die geleistete Sorgearbeit meist wenig anerkannt und bleibt unsichtbar. Sie gilt ökonomisch als irrelevant und ist gerade deshalb ausbeutbar. Das Buch zeigt, dass die Verfügbarkeitsansprüche für unterschiedliche Frauen Unterschiedliches bedeuten: Ob als Mütter oder als Mädchen, ob als schwarze oder weiße Frauen, als Migrantin, Trans- oder non binäre Person, als dicke oder lesbische Frau, ob im Dienstleistungssektor, in Pflegeberufen oder in der digitalen (Selbst)vermarktung, ob als Politikerin oder Künstlerin - die Verausgabung hat unterschiedliche Ausmaße und unterschiedliche Ursachen. Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach wendet sich gegen ein misogynes System, das von Frauen alles erwartet und nichts zurückgibt. Und sie zeigt, welch vielfältigen Widerstand Frauen gegen die Ausbeutung ihrer Energie, ihrer Psyche und ihrer Körper leisten. Ein Widerstand, der zu einer treibenden Kraft für neue Arbeits- und Lebensweisen wird und die Welt verändert.
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Schöpfung statt Erschöpfung
Bewertung am 06.11.2025
Bewertungsnummer: 2647371
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Großartig beschreibt Franziska Schutzbach wie wir Frauen durch patriachale Strukturen erschöpft werden und laufend Energie mobilisieren müssen um in der virilen kapitalistischen Gesellschaft als Frauen bestehen zu können.
Nimm es auf die Liste!
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 31.12.2024
Bewertungsnummer: 2375591
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ein intersektionales Buch, das selbst für Menschen, die sich bereits für Feminismus interessieren und damit befassen einiges bereithält und verschiedene Denkanstösse bietet.
Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Vielseitigkeit. Einerseits in der bereits erwähnten Intersektionalität, andererseits zeigt dieses Buch wunderbar auf, dass die Erfahrungen verschiedener Menschen sehr unterschiedlich sein können – was für dich gut ist, kann für mich schlecht sein. Obwohl es durchaus einen gemeinsamen Nenner gibt, sind nicht alle Wahrnehmungen deckungsgleich. Ebenfalls äusserst gelungen, ist der Ton des Textes. Klar, beim Lesen regen wir uns auf, wir kritisieren, wir klagen, werden wütend und trotzdem macht uns das Buch auch mutig. Dieser Text ist kein hilfloses Gejammer, das Frauen, inter, non-binäre, trans und agender Menschen als passive Zuschauer:innen darstellt, sondern zeigt, wie viel Stärke schon immer da war und ist, das wir mit unserer Erschöpfung nicht alleine sind und woher diese eigentlich rührt. Dieses Buch hilft, eine erschöpfende Situation besser zu verstehen, ohne dabei weiter zur Erschöpfung beizutragen.
Ein tolles Buch für sich selbst und um aktiv zu verschenken!
Meinung aus der Buchhandlung
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Franziska Schutzbach macht gleich in der Einführung ihres Sachbuchs deutlich, dass es sich hierbei nicht um einen Ratgeber handelt. Vielmehr spürt sie in ihren Kapiteln den strukturellen Ursachen der tiefgreifenden Erschöpfung nach, die typisch für Frauen und FINTA (Frauen, inter, non-binär, trans, agender Personen) sind.
Die Kapitel können unabhängig voneinander gelesen werden. Ich vermute, dass sie unabhängig voneinander entstanden sind, jedenfalls würde das einige sich wiederholende Gedanken erklären (witzigerweise wiederholen sich auch meine Notizen dazu und fast wortwörtlich). Schutzbach schreibt flüssig, der Text liest sich gut. Sie bezieht sich fortlaufend auf Erkenntnisse und Erfahrungen anderer Frauen und FINTA und zeigt uns damit, dass wir nicht allein sind. Das wiederum ist eine der wichtigsten Erkenntnisse: Wie wichtig es für Frauen und FINTA ist, Verbundenheit zu fühlen, Beziehungen ausserhalb der Paarbeziehung zu pflegen, uns als Teil von etwas Grösserem begreifen zu können, dort eine Sprache zu finden für unser Erleben, um Veränderungen zu formulieren und in Bewegung zu bringen. Dies führt sie in ihrem Sahcbuch «Revolution der Verbundenheit» weiter aus.
Die Erschöpfung ist im Text spürbar und verleiht dem Buch Schwere. Schwere im Sinne von Bedeutung, aber auch Bedrückung. Hervorragend finde ich, wie vielseitig Schutzbach auf die angesprochenen Themen blickt, aus welchen Blickwinkeln und durchaus kritisch im Hinblick auf die Rolle, die Frauen beim Erhalt der derzeitigen Strukturen spielen, ob bewusst oder unbewusst. Sie zeigt zudem die vielen verschiedenen Widersprüche auf, die wir aushalten lernen müssen, schliesslich sind Frauen und FINTA keine homogene Gruppe, die Erfahrungen sind somit enorm unterschiedlich, aber gleichermassen relevant. Beeindruckend ist die Vielfalt der von ihr genutzten Quellen, die im Anhang detailliert aufgelistet werden und weiterführende Lektüre bieten (mich interessiert gerade insbesondere alles zu alternativen Wirtschaftsmodellen, einem anderen Verständnis von Erfolg etc.).
Ebenfalls verdeutlicht sie, was es für die Erschöpfung von Frauen bedeutet, wenn mehrere Diskriminierungsformen zusammenkommen.
Da ihre Erkenntnisse, was uns aus der Erschöpfung helfen könnte, nicht hervorgehoben oder auffällig gebündelt präsentiert werden, sollten beim Lesen des Buchs Stift, Textmarker und/oder Notizbuch direkt parat liegen ;-) Und das physische Buch würde ich dem eBook persönlich vorziehen. So lässt sich auch schneller zu Thesen zurückkehren, bspw. wenn sie auf S. 175 (Kapitel 5) sagt, sie habe in Kapitel 2 Möglichkeiten aufgeführt, wie wir uns aus männlichen Bezügen befreien können.
Es entsteht über weite Strecken ein anstrengendes Bild vom Frau-Sein in allen Facetten. Daher empfiehlt sich im Anschluss die Lektüre von «Revolution der Verbundenheit», damit wir wieder Hoffnung schöpfen, dass es dabei nicht bleiben muss. Doch ich habe «Die Erschöpfung der Frauen» mit viel Gewinn gelesen, weil Schutzbach darin die vielfältigen strukturellen Ursachen für Erschöpfung deutlich macht, uns damit eine Sprache und Argumente für eigenes Empfinden verleiht und eben zeigt, dass keine von uns damit allein ist.