Der grösste Teil des Lebens ist gelebt, die Tage sind gekommen, in denen die Lebensernte eingefahren wird. Vieles, was er sich vorgenommen hatte, hat er erreicht, manches, was er erreichen wollte, ist auf der Strecke geblieben. Eine Begebenheit hat in all dem Drunter und Drüber, das seinen Lebensweg so holprig machte, zeitlebens im Unterbewussten rumort. Der Vater, Küfermeister in einer südbadischen Kleinstadt, kehrt bereits im ersten Kriegsjahr schwer verwundet, kriegsuntauglich und desillusioniert zurück nach Hause. Er macht aus seiner Abneigung gegen den NS-Staat keinen Hehl. In der Werkstatt, am Wirtshaustisch sagt er, was er über Adolf Hitler und »seine Bande« denkt: »Die müssen wieder weg.« Der Ortsgruppenleiter verwarnt ihn, aber er lässt sich nicht mundtot machen und bringt mit seiner Renitenz sich und seine Familie in existenzbedrohende Schwierigkeiten und sich schliesslich ins Gefängnis. Nach Kriegsende drängen auch jene wieder zur Geltung, die das Leben des Vaters beschädigt haben, der Lehrer zum Beispiel. Damit wird er nicht fertig. Er hält sich nun mehr und mehr im Wirtshaus auf, kommt ins Saufen, zerstört die Familie. Der Sohn, der Ich-Erzähler des Romans, ist ein introvertiertes, leicht versponnenes, überängstliches Kind, das unter der Unbesonnenheit und gelegentlichen Brutalität des Vaters leidet und viele Stunden im Luftschutzkeller verbringt, auch wenn es keinen Fliegeralarm gibt. Die Grossmutter tröstet ihn, wenn seine Angst vor dem Vater übermächtig wird. Oben in der Mansarde hört er, wenn der Vater betrunken nach Hause kommt und in der Küche mit Geschirr um sich wirft.
Als der namenlose 87-jährige Ich-Erzähler von seinem Arzt eine beunruhigende Diagnose erhält, sind sie plötzlich wieder da: die Angst, die Bedrohung, das "Seelengefängnis", wie er es selbst nennt. Doch woher stammen diese existenziellen Gefühle und wie kann man sich ihnen entgegenstemmen? Um der Wurzel dieses Übels auf den Grund zu gehen, reist er in die "Kleine Stadt am Rhein", in der er schon seine Kindheit verbrachte. Die zentrale Figur seiner Gedanken ist der Vater - ein Mann, der sich einerseits den Nationalsozialisten mit aller Vehemenz in den Weg stellte, auf der anderen Seite aber in seiner Rolle als Familienvater kläglich versagte... Der nur gut 150 Seiten umfassende zweite Roman des Journalisten Felix Schmidt ist ein Werk, das durch die Kriegshandlungen in der Ukraine einen erschreckend aktuellen Bezug erhält. Es ist ein bemerkenswert kluger und authentischer Roman, der in einigen Momenten gar schmerzhaft ehrlich erscheint. Denn Felix Schmidt, der nicht zufällig im selben Alter ist wie sein Protagonist, beschönigt und verheimlicht nichts. In schnörkelloser und klarer Sprache versetzt er die Leser:innen ganz in die Perspektive des Jungen und beurteilt die Kriegsjahre und die Nachkriegszeit eben so, wie ein Junge seines Alters sie auch beurteilen würde. Denn während das Kind, aufgestachelt von einem "braunen Lehrer", gefangen scheint zwischen Faszination und Angst, zwischen Führerverehrung und Gottesglauben, positioniert sich der Vater so eindeutig gegen die Nationalsozialisten, dass Familienkonflikte unausweichlich scheinen. "Ich hätte gerne einen anderen, einen verständnisvolleren Vater gehabt", heißt es ganz offen an einer Stelle. "Ihre wärmenden Hände haben mir auch in späteren Jahren die Liebe und den Halt gegeben, die ich von den Eltern nicht bekam", erzählt er über die liebevolle Großmutter an einer anderen. Aus diesen empathischen und ehrlichen Sätzen klingt die Stimme eines Jungen heraus, dem in der Familie zu wenig Liebe entgegengebracht wurde und der ohne die familiäre Unterstützung in diesen schweren Zeiten zu zerbrechen drohte. Dennoch ist der Vater eine bemerkenswerte, eine zutiefst ambivalente Figur. Denn während er zuhause laut, rechthaberisch und bisweilen cholerisch auftritt, ist er auf der anderen Seite so standhaft und aufrecht in seiner Haltung, dass er damit sogar die eigene Familie in Gefahr bringt. Selbst nach dem Ende des Krieges lässt er sich nicht verbiegen und trotzt irgendwelchen Rachegedanken. So ist es nicht verwunderlich, dass Felix Schmidt dieser Vaterfigur einen Roman widmet und sie sogar in den auf den ersten Blick zweideutigen Titel aufnimmt. Stilistisch ist der Roman fern von jeder Modernität, was er aber auch gar nicht sein muss und möchte, denn es sind die immer wieder durchschimmernden klugen und pointierten Sätze, die ihn zu einer Besonderheit machen und eben nicht eine besonders komplexe Erzählstruktur. Dennoch hätte ich mir an einigen Stellen gewünscht, dass der Ich-Erzähler aus der Nacherzählung ausbricht, Dinge stärker und ausführlicher zeigt. So sind beispielsweise dem Tod der geliebten Großmutter recht wenige Zeilen gewidmet, obwohl sie in der Erziehung des Jungen eine erhebliche Rolle spielte. Und in den Nachkriegsjahren nimmt das Erzähltempo plötzlich so zu, dass ich es etwas bedauerlich fand, den Protagonisten auf seinem Weg zum jungen Erwachsenen nicht länger begleiten zu dürfen. Kleinere Kritikpunkte eines ansonsten aber überzeugenden und sehr lesenswerten Romans. "Ich habe später einmal gelesen, dass die Augen das Fenster zur Seele seien. Wenn da etwas dran ist, dann war das Fenster des Vaters zu oft beschlagen", fasst Felix Schmidt in einer besonders bewegenden Szene das Verhältnis des Ich-Erzählers zu seinem Vater zusammen. Es sind solche Sätze, die den Wert des Romans zeigen und uns dankbar machen sollten, dass wir noch immer die Möglichkeit haben, Zeitzeug:innen zu lauschen - egal, was autobiografisch und was fiktiv ist. Immer und gerade i