Über der Moschee auf Staten Island wachsen drei Adoptivbrüder auf, die sehr unterschiedlich sind und einander doch innigst lieben. Dayo stammt aus Nigeria, Iseul aus Korea. Nur Youssef, der jüngste, weiss nichts von seiner Herkunft. Er sucht die Nähe ihres Ziehvaters Salim, doch der charismatische Mann steckt voller Rätsel. Während die Brüder in die Glitzerwelt Manhattans eintauchen, hält Salim anti-westliche Reden in der Moschee. Als er eines Nachts nach Saudi-Arabien aufbricht, folgen Youssef und seine Brüder ihm und begeben sich auf einen Weg der Erkenntnis wie der Verstörung. Sie erleben, was geschieht, wenn sich Religion und Kapitalismus als Machtinstrumente kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Und sie erfahren endlich, wer sie wirklich sind.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
Bewertung
4/5
15.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Szenisch, grenzüberschreitend
»Bruder« ist immer an der Seite von Youssef, mal nimmt er die Gestalt eines schützenden Hundes an, dann ist er eine mehrköpfige Schlange und oft tritt er zurück hinter den Brüdern, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit fest und innig verbunden sind.
Yousefs Ziehvater, der Imam Salim, ist streng und distanziert, voller Geheimnisse und hat nicht nur sein Begehren für Männer mit ihm gemeinsam. Die Eltern seines Bruders Dayo sind aus Nigeria, die Eltern von Iseul aus Korea, mehr wissen sie nicht, Youssef weiß nicht einmal das. Er beobachtet Salim und findet verstörende Hinweise, die sich nur langsam zusammensetzen.
Die Herkunft als Drehbuchautor ist diesem kraftvollen Debüt des New Yorker Autoren Khalid anzumerken. Szenisch und bildgewaltig ist der Sound von »Bruder«, der nicht nur nationale und sprachliche Grenzen sprengt. »Bruder« spielt im reichen Milleu von Staten Island, in Manhattan, in Syrien und in Saudi Arabien. Die Szenerie entblättert sich in Moscheen, in großen Häusern mit geheimen Zimmern, in Universitäten, in Wirtschaftsunternehmen, in Koranschulen und in neuen Palästen. Khalid öffnet eine Welt, die einen Weiß-amerikanischen Blick zurück stößt, die mit Klischees von Fundamentalismus, Kapitalismus und Macht spielt, sich manchmal darin und in Verschwörungstheorien verfängt, ohne den Moment zu verpassen, sich rechtzeitig wieder zu lösen. Denn Plot und Auflösung in diesem krimihaft-dystopischen Roman sind alles andere als simpel und erwartbar.
Neugierig? Dann warte nicht. »Bruder« schreit danach verfilmt zu werden und Khalid wird spätestens dann Fundamentalist:innen nicht gefallen, wobei seine Kritik am westlichen Kapitalismus und Rassismus nicht minder scharf formuliert ist.
Karola Dahl
3/5
08.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vom Möchtegern-Mufti, dem großen, schwulen Imam Salim
In vier Teilen geht es um den Ziehvater Imam Salim und seine drei Adoptivsöhne Dayo, Iseul und Youssef, alle 1990 geboren und wohnhaft zunächst über der Moschee in der Occident Street auf Staten Island, New York. Konzipiert als eine umfassende Erklärung von Youssef Smith, gerichtet an die Tochter von Iseul, Ya Ruhi Smith, geht es in diesem Buch um tiefgründige Themen rund um die Macht von Religion, um verbotene Homosexualität, um westlichen Kapitalismus und Rassismus, um Fundamentalismus. Der Erzähler Youssef krankt seit Geburt an einem Nervenleiden, hervorgerufen durch Giftgaseinwirkung. Über dieses Krankheitsbild zu lesen mit sich wandelnden Gestalten, die ihn sogar attackieren, wirkt anfangs im Lesefluss irritierend. Nachdem der sehr rätselhafte Ziehvater Imam Salim weniger als idealer Vater oder durch Religionsausübung in der alten Moschee glänzt, spielt er in Saudi-Arabien eine eher versteckte politische Rolle nach modernen Ansichten des Islam. Schließlich folgen ihm die drei Brüder in die neu erschaffene Stadt Hadith, eingesetzt als Marionetten in gehobener Position, kontrolliert und manipuliert, schließlich in einem Rachefeldzug endend. Dieser fiktive, futuristische Teil erinnert an den politischen und religiösen Konflikt zwischen den USA und den arabischen Staaten, mit Kritik am Kapitalismus.
Keine leichte Kost für Andersgläubige! 3/5*