Jeremias Gotthelf: Anne Bäbi Jowäger. Band 1 von 2 Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet und wie es ihm mit dem Doktern geht Lesefreundlicher Grossdruck in 16-pt-Schrift Grossformat, 210 x 297 mm Berliner Ausgabe, 2023 Durchgesehener Neusatz bearbeitet und eingerichtet von Theodor Borken Erstdruck in zwei Teilen, Solothurn, Jent und Gassmann, 1843/44. Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Bildes: Franz Anton Maulbertsch, Der Quacksalber, 1785. Gesetzt aus der Minion Pro, 16 pt. Henricus - Edition Deutsche Klassik GmbH Über den Autor: 1797 in Murten in der Schweiz als Sohn eines reformierten Pfarrers geboren, schliesst Albert Bitzius 1820 sein Theologiestudium in Bern ab. Er unternimmt Studienreisen nach Berlin, Weimar, Leipzig und Dresden, wird Vikar und Pfarrgehilfe, schliesslich 1832 Pfarrer in Lützelflüh. Er tritt für die allgemeine Schulpflicht ein und wird Schulkommissär. Neben seiner ¿ meist nicht namentlich gezeichneten ¿ journalistischen Tätigkeit nimmt er 1836 die Schriftstellerei auf und veröffentlicht unermüdlich Romane und Erzählungen, die zuweilen erschreckend realistischen Einblick in die Armut der bäuerlichen Existenz des 19. Jahrhunderts gewähren. Am 22. Oktober 1854 stirbt in Lützelflüh mit Jeremias Gotthelf, wie er sich nach der Hauptfigur seines Erstlingswerkes nennt, ein wortgewaltiger Erzähler ersten Ranges an einer Lungenembolie.
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4.7/5.0
Manfred Orlick
aus Halle (Saale)
5/5
15.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Reale Darstellung des Dorflebens im 18. Jahrhundert
Der Diogenes Verlag hat seine Jeremias Gotthelf- Edition mit dem ersten Teil des zweiteiligen Romans „Anne Bäbi Jowäger“ fortgesetzt. Anstoß zu dem Roman gab eine Anfrage der Sanitätskommission des Kantons Bern, in der Gotthelf um eine populäre Schrift gegen das medizinische Pfuschertum und die Quacksalberei gebeten wurde.
Der volkserzieherische Roman erzählt von der tief religiösen, aber abergläubischen Bäuerin Anne Bäbi, deren Sohn Jakobli nach der Heirat mit dem Waisenkind Meyeli einen Sohn bekommt, der jedoch verstirbt, weil sie statt des Dorfarztes einem Kurpfuscher vertraut. Geplagt von Schuldgefühlen, stürzt die ansonsten resolute Anne Bäbi in eine schwere psychische Krise. Auch die bisher geordneten Verhältnisse des Bauernhofs geraten in chaotische Umstände. Neben der Romanhandlung äußert Gotthelf hier seine Auffassungen über Religion und Glauben sowie über die gesellschaftliche Stellung des Arztes.
Die Diogenes-Ausgabe orientiert sich an dem Erstdruck von 1843, an dem nur kleine, behutsame Änderungen vorgenommen wurden. In einem umfangreichen Glossar werden viele Redewendungen und Ausdrücke des Berner Dialekts erläutert, sowie Hinweise zu Berner Währungen, Gewichten und Maßen angefügt.
Der Roman zeigt Gotthelfs milieugetreue und fabulierfreudige Erzählkunst. Er wurde schnell ein großer Erfolg, sowohl als Buch als auch später als populäre Verfilmung, die den Stoff einem breiten Publikum zugänglich machte und als Meilenstein des Schweizer Heimatfilms gilt. Fast zweihundert Jahre nach seinem Erscheinen ist der Roman immer noch ein Abbild des wirklichen Lebens und keine romantisch geschönte Darstellung des Dorflebens im 18. Jahrhundert. In ihrem Nachwort betont die Schweizer Schriftstellerin Simone Lappert, dass der Roman „heute gelesen, nicht zuletzt auch etwas über die Wichtigkeit von Verbundenheit aussagt und über Wunden, die entstehen, wenn es daran mangelt“.
Bewertung
aus Klingnau
5/5
04.02.2022
eBook (ePUB)
Spannende Parallelen zu heute
"Annebäbi Jowäger" gibt einen interessanten Einblick in den bäuerlichen Alltag in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Spannend dünken mich aber vor allem die Parallelen zu heute. Damals ging es um Pockenimpfung und -behandlung, und z.T. begegnen der Leserin ähnliche Haltungen wie wir sie heute, fast 200 Jahre später, in der jetzigen Pandemie antreffen...
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
4/5
18.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Kräuterglauben und Herzenskraft
Eine bäuerliche Welt, die nach Kräutern, Krankheit und gut gemeinten Ratschlägen riecht, entfaltet sich langsam, aber mit erstaunlicher Wucht. Jeremias Gotthelf erzählt in Anne Bäbi Jowäger keine gemütliche Dorfgeschichte, sondern eine scharfe, zugleich warmherzige Abrechnung mit Aberglauben, falscher Autorität und jener gefährlichen Fürsorge, die sich selbst nie hinterfragt. Zwischen Predigt und Prosa liegt hier ein Text, der fordert, manchmal sperrig ist, aber immer meint, was er sagt.
Besonders berührt hat mich Jakobli, dessen schwacher Körper in starkem Kontrast zu seinem leisen Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben steht. Die Liebe zu Meyeli wirkt zart und beinahe schutzlos, eingeklemmt zwischen Standesdünkel, mütterlicher Kontrolle und gesellschaftlichen Erwartungen. Gerade diese Zurückhaltung macht ihre Beziehung so glaubhaft und rührend, weil sie nie laut sein darf, um wahr zu sein.
Anne Bäbi selbst ist eine Figur, die mich gleichzeitig genervt, amüsiert und fasziniert hat. Ihre Allwissenheit ist grotesk überzeichnet und doch erschreckend aktuell. In ihrem unbeirrbaren Glauben an Hausmittel, Halbwissen und moralische Überlegenheit spiegelt sich eine Haltung, die bis heute wirkt. Gotthelfs Humor ist dabei trocken, manchmal bissig, dann wieder überraschend zärtlich.
Die Sprache verlangt Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt aber mit Tiefe und feiner Ironie. Nicht jede Passage liest sich leicht, manches wirkt belehrend, doch genau darin liegt auch die Kraft dieses Romans. Zurück bleibt das Gefühl, ein Stück Literatur erlebt zu haben, das unbequem sein darf und gerade deshalb lange nachhallt.