Am Abend vor ihrem dreissigsten Geburtstag beschliesst Anna Thurow zu sterben. Oder zumindest erwägt sie sämtliche Selbstmordarten - nur keine scheint die richtige. Sie ist weder unglücklich noch glücklich, aber etwas kam ihr schon immer seltsam falsch vor: etwa dass sie als Kind Astronautin werden wollte und nun einen tristen Bürojob irgendwo in Ostdeutschland macht, und nicht zuletzt der fehlende Penis zwischen ihren Beinen. Eine Hypnotiseurin leitet Annas Fremdeln mit sich und der Welt von einem früheren Leben her: In Anna rumore der Geist eines kroatischen Juden namens Andri. Anna hält das für ziemlich grosse Scheisse, aber die Neugier siegt: Sie reist in Andris angebliche Heimatstadt. Überwältigt von der Schönheit Dubrovniks trifft sie über einen Kontakt der Jüdischen Gemeinde auf Anka, die diesen Andri gekannt hat, und erfährt immer mehr von der Kriegsvergangenheit Ex-Jugoslawiens und den Naziverbrechen.
Der erste Roman der Musikerin und Schriftstellerin Ariana Zustra handelt von verdrängten Kriegsschauplätzen der Shoa, von Grenzen von Religion, Identität und Sexualität. Es ist ein ebenso urkomischer wie todtrauriger Roman über den Versuch, sich selbst und die Welt zu erklären, und über die Frage, wer wir sein können, wenn wir nicht wissen, wer wir sind.
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Unerwartet anders
mimitatis_buecherkiste aus Krefeld am 27.07.2024
Bewertungsnummer: 2253925
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Es war der Abend vor meinem dreißigsten Geburtstag, und wenn die folgenden dreißig Jahre so werden würden wie die bisherigen, wäre weiterleben schon arg lästig. Lästig ist aber auch, dass man sich erst umbringen muss, wenn man nicht mehr leben will. In Filmen ist das immer ein dramatischer Moment, untermalt mit elegischer Orchestermusik. Aber in Wahrheit ist es still.“ (Seite 5)
Anna Thurow beschließt an dem Abend vor ihrem dreißigsten Geburtstag, zu sterben und wägt verschiedene Selbstmordarten gegeneinander ab. Sinnlos erscheint ihr das Leben, auch wenn sie nicht unglücklich ist, denn glücklich ist sie jedenfalls nicht. Durch Zufall landet sie bei einer Hypnotiseurin, die ihr attestiert, in ihr sei der Geist eines kroatischen Juden namens Andri, der in Dubrovnik gelebt hat. Ihre Neugier siegt und so macht sich Anna auf den Weg nach Kroatien, wo sie auf Anka trifft, die Andri gekannt hat. Dabei lernt sie vieles über die Kriegsvergangenheit des ehemaligen Jugoslawiens sowie auch die Naziverbrechen, aber sie erfährt dazu einiges über sich selbst.
„Ich konnte mich nicht sattsehen an ihren Silhouetten, sie waren alle so schön, wie Samt und Seide, ich sah mich vor ihnen wie vor einem Geheimnis, und ich wollte in sie eindringen, aber ich wusste nicht, womit. Meinen Körper betrachtete ich, wie ich den Körper einer anderen Frau betrachtete: wie ein Wunder, aber auch wie ein Rätsel.“ (Seite 81)
Zu Beginn fand ich Anna faszinierend, trotz ihrer düsteren Gedanken, ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Verwirrung hinsichtlich ihrem Geschlecht. Das Spiel mit den Worten beherrscht die Autorin, daran gibt es nichts auszusetzen, aber ein wenig ermüdete mich der Charakter von Anna irgendwann, sodass ich froh war über einen Ortswechsel, der uns in das Ex-Jugoslawien führte, wo es dann doch noch emotional und ernst wurde. Es ist kein Buch für zwischendurch, es hat mich gefordert, aber auch amüsiert. Die Reise hat mich gut unterhalten, versöhnte mich mit Anna und so gingen wir auseinander, ohne einander böse zu sein. Anders und lesenswert.
Tiefgründiges Debüt voller Intensität und Melodramatik
Bewertung am 02.12.2023
Bewertungsnummer: 2080583
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Vielleicht ist die Leere in mir keine Stille, sondern Lärm. Vielleicht ist sie das Echo des Urknalls, seines Donners, dieser Gewalt, aus der alles entstanden ist und das ist der Grund, warum es immer auch ein bisschen weh tut, dieses Leben.”
Anna wird 30 und beschließt zu sterben - ihr Leben hat sie sich anders vorgestellt und diesen Schritt kann sie wenigstens kontrollieren. Vorher muss sie allerdings noch klären, wie man das überhaupt bewerkstelligt? Nachdem ihre Ärztin bei ihr eine Depression mit Suizidgedanken feststellt und sie erstmal drei Monate krankschreibt, kommt sie über Umwege zu einer Hypnotiseurin, die sie nach Dubrovnik schickt um ihrem früheren Ich zu begegnen.
Die Geschichte entfaltet sich durch eine Kombination aus intensiven, fast schon greifbaren Emotionen und einer rauen, ungezähmten Frechheit, die gelegentlich in prägnanten und doch fragwürdigen Szenen mündet. Mit einer Prise Rotzigkeit präsentiert Zustra ihre Protagonistin und deren Gedankenwelt, wodurch man die Komplexität der inneren Kämpfe und der verzweifelten Suche nach Identität und Sinn hineingezogen wird. Stellenweise fand ich den Roman etwas holprig, da man Annas Gedankengang rund um die Hypnose und ihrem „früheren Ich” nicht ganz nachvollziehen kann, aber: Zustra schreibt sehr emotional und fängt das Wesen der Protagonistin unfassbar gut ein. So beschäftigt sich Anna im Roman mit wichtigen Themen und erfährt mehr zu den Balkankriegen, zur Erinnerungskultur Deutschlands, aber auch zum Leben an sich. Zustras bildliche, manchmal etwas obszöne Sprache spiegelt die depressive Gedankenwelt der Protagonistin sehr gut wieder. Mit kleinen Abstrichen hat Ariana Zustra hier ein Debüt voller Intensität und Melodramatik geschrieben, das bei mir noch eine Weile nachhallt.
„Wir sind die Wilden! [...] Das denkt ihr doch über uns vom Balkan.” [...]
„Ich denke das nicht.” [...]
„Ja, aber die anderen. Die sagen, hier ist alles kompliziert, und zack: Muss man sich damit nicht beschäftigen.”