Mensch und Müll - das ist eine lange und innige Beziehung. Bereits die Neandertaler haben Dinge für nutzlos befunden, aussortiert und weggeworfen. Das alte Rom kämpfte ebenso mit Müllproblemen wie die Metropolen des 19. Jahrhunderts. Doch alles verblasst hinter den Abfallbergen der Gegenwart. Anhand der Produktion von und dem Umgang mit Müll schreibt Roman Köster eine erhellende Geschichte unserer Spezies. Sein Buch bietet die erste durchgehend schmutzige Geschichte der Menschheit.
In der Vormoderne waren Abfälle vor allem ein praktisches Problem. Sie lagen herum, rochen schlecht und behinderten den Verkehr. Im Zuge des starken und weltweiten Städtewachstums seit dem späten 18. Jahrhundert stieg die Aufmerksamkeit für durch Abfälle erzeugte hygienische Probleme, die die Ausbreitung von Typhus oder Cholera begünstigten. Heute hingegen ist der Müll von einer Frage städtischer Sauberkeit zu einem globalen Umweltproblem geworden. In seiner Globalgeschichte des Mülls von der Frühgeschichte bis heute geht Roman Köster den Ursachen dieser Entwicklungen nach und zeigt, wie sich das Wegwerfen, Entsorgen und Wiederverwerten im Lauf der Geschichte verändert hat.
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Deutscher Sachbuchpreis, Shortlist
Bewertung am 26.05.2024
Bewertungsnummer: 2209297
Bewertet: eBook (PDF)
Und wieder mal ist e soweit. Acht Bücher sind nominiert. Recht unterschiedlich, teils gut, teils etwas schwerer zu lesen, 8 siehe REzensionen zu den anderen sieben Büchern).
Herausgestochen haben für mich neben " Die Königin" und " verkaufte Zukunft" das Buch von Roman Köster "Müll". Untertitel "eine schmutzige Geschichte der Menschheit". Wieder einmal zeigt der Beck Verlag, daß die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein gutes Händchen für Sachbücher haben, sind doch drei von acht Titeln aus diesem Verlag! Glückwunsch. Und zurecht. Auch "Müll" gehört zu den zeitlosen, lesenswerten Sachbüchern, die in zehn Jahren auch noch aktuell sind! Und das macht ein gutes Sachbuch nun mal aus, Langlebigkeit!
Warum ist das bei diesem Buch so? Weil es gut geschrieben, gut recherchiert, für jeden verständlich geschrieben und Themenmäßig aktuell ist. Müll ist kein Phänomen der Neuzeit, seit es Menschen gibt, gibt es Müll. Nur heute mehr denn je. Und wir müssen was tun, heute am besten gestern.
Roman Köster gibt uns eine Vorlage, wir, jede/jeder Einzelne kann sie umsetzen. Aber erst einmal Problembewußtsein schaffen. Da hilft dieses Buch !
Es ist mein Favorit für den Buchpreis! Viel Glück Roman Köster.
Was ist Müll, oder wichtiger: was macht Müll mit unserem Leben
Ralf H. am 13.05.2024
Bewertungsnummer: 2200173
Bewertet: eBook (PDF)
Ein wissenschaftliches Sachbuch über die Entstehung, Verwendung und Entsorgung von Müll über Zeit, Epochen, Kulturen und wirtschaftliche Entwicklung der Menschheit.
Meinung:
Ein wissenschaftliches Sachbuch über das kritische Thema Müll.
Es beginnt mit der Vormoderne, wobei der Zeitraum weitgestreckt ist als Menschen noch Nomaden waren bis hin zur Stadtgründung und der Annäherung an die Phase des Industriezeitalter, gefolgt von der Phase der Massenkonsum.
Dabei wird immer die Entstehung von Müll betrachtet, als auch der Begriff als Müll an sich, denn auch der unterliegt dem Wandel der Zeit.
Zunächst wird die Vormoderne beleuchtet. Dieser Abschnitt gestaltet sich nach meiner Ansicht als sehr unübersichtlich, denn es werden unterschiedliche Regionen der Welt, unterschiedliche Kulturen und unterschiedliche Zeiträume ziemlich wild durcheinander gemischt analysiert. Es gibt keine Möglichkeit in dem Roman die Müllhandhabung in China während dem Wechsel der Epochen gezielt zu suchen, sondern es wird die ganze heutige Welt betrachtet, wie mit Blitzlichtern unter einem bestimmten Aspekt, wobei die Kulturen, Anbaumethoden, Ernährungsgewohnheiten und Jahrhunderte dargestellt werden, aber nicht in einer gesteuert Zeitabfolge, sondern einzig unter einem Themengesichtspunkt, dass man danach gezielt suchen könnte. So hüpfe ich als Leser wild durch die Zeit, Lokationen, Kulturen und Außeneinflüsse wild auf der Erde umher. Als Lehrbuch ist der Roman in meinen Augen daher völlig ungeeignet.
Es werden zwar alle möglichen Einflüsse diskutiert, wie z.B. Urbanisierung, mit Pflasterung der Straßen oder ohne, mit Sickergruben oder ohne, mit Flüssen in der Nähe oder ohne, Kanalisation mit/ohne, als auch mit Mauern zum Schutz oder eben ohne. Es ist ein wildes Durcheinander, denn er betrachtet Stadtstrukturen in China, Europa, Südamerika in unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten. Es ist interessant aber eben ein strukturloses Müsli.
Man kann unmöglich im gleichen Absatz Stadtstrukturen in China um 1200, vergleichen mit Ägypten um 2000 vor Christus mit Peru um ca. 1400 und das dann mit Europa um 1000?! Aber genau das passiert.
Trotzdem bildet sich wie beim Puzzel ein Gesamtbild, nämlich, dass früher fast alle Abfälle, überwiegend Fäkalien, Metalle etc. vor allem von besonders armen Bevölkerungsgruppen konsequent recycelt werden, weil das oftmals die einzige Einnahmequelle war und das war angepasst an die jeweilige Bevölkerungsstruktur, z.B. in der Stadt, mit Mauer und Vieh in der Stadt etc. etc.
Also in der Vormoderne herrscht ein total unübersichtliches, uneinheitliches Chaos in allen unterschiedlichen Städten auch in Deutschland und genau das vermittelt die Geschichte perfekt. Im ersten Abschnitt der Vormoderne bessert sich das erst in den letzten Kapiteln.
Im zweiten großen Abschnitt wird dann die Industrialisierung beschrieben. Die Tatsache, dass diese Phase gemessen an der Vormoderne nur „wenige“ Jahre umfasst, verhilft eindeutig zu einer sehr viel besseren Struktur. Hier sind die Zeitspünge „überschaubar“. Hier werden vor allem auch die Gründe für das „Abhängen“ große Teile der nicht Europäischen Länder erklärt. Nur bedingt begünstigt waren hier in gewisser Weise auch die Kolonien, auch wenn ich insgesamt die Kolonisierung verabscheue, so brachte sie manchen dieser Länder auch „etwas“ Fortschritt, allein dass die indigene Bevölkerung erfahren hat was es alles gibt, von dem aber die große Mehrheit nur indirekt profitieren konnte, wenn überhaupt. Allerdings spalteten sich dabei auch besonders arme und besonders reiche Schichten überall in der Welt voneinander ab.
Zwar beschreibt auch hier der Autor die Auswirkungen, nämlich das gewaschene Wäsche draußen aufgehängt sofort grau wird, doch dass die Mengen an Ruß nur den Stahlfabriken, zu verdanken war, und auch sonstige „Abgase“ und alle „sonstigen Stoffe die so in der freien Umwelt“ nie vorkommen würden, fehlen in der Betrachtung von „Müll“ vollkommen. Schade. Das finde ich bedenklich, zumal auch die gesundheitlichen Beeinträchtigungen dadurch unübersehbar waren. Selbst die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Grubenarbeiter fehlen völlig. Auch die Tatsache, dass die Mehrheit Steinkohle verheizte wird dargestellt, doch nur die Entsorge der Asche wird diskutiert?? Erst im Kapitel „Ablagern und verbrennen“ wird quasi im Nebensatz auf jetzt fehlende „Recycling der Abfälle“ eingegangen. In meinen Augen beginnt damit bereits das schwarze Zeitalter der unkontrollierten Müllentsorgung. Im Gegensatz dazu werden allerdings die unterschiedlichen Handhabungen von Müll auf dem Land oder Stadt sehr ausführlich betrachtet. Auch die heutigen Spätfolgen, nämliche das mögliche Abstellen der Grubenpumpen, was ein mögliches unkontrolliertes Absenken vieler Gebiete verursachen würde, sind nicht einmal betrachtet.
Zum Finale kommt das Thema Massenkonsum, das mit dem Wirtschaftwachstum nach dem zweiten Weltkrieg einsetzt. Dabei ändern sich vor allem die Inhalte des Abfalls, weil vermehrt alles in Einwegpackungen über den neu entstandenen Supermarkt verkauft wird, anders als individuell abgewogen beim Einzelhändler. Dadurch wuchs die Menge des Abfalls exponentiell. Zunächst gab es zahlreiche Deponien mit ihren spezifischen Problemen mit vermehrt Vergiftungserscheinungen des Grundwassers. Später zunehmend Verbrennungsanlagen mit ebenfalls spezifischen Problemen, doch nur sind die Gifte in der Luft. In diesem Abschnitt wird dann endlich vermehrt auf das Thema Umweltbelasten in allen Aspekten eingegangen. Das letzte Kapitel liefert mir erstmals zahlreiche neue, bis dahin unbekannte, Fakten und vor allem Skandale.
Das letzte Kapitel stimmt mich wenig hoffnungsvoll, dass diese Probleme noch beherrschbar wären. Es scheint eher, dass wir eine weitere Hypothek an unserer Kinder und Enkel hinterlassen…
Für alle die noch mehr Vererbungsschäden ertragen können: „Verkaufte Zukunft“ von Jens Becker, dann wird die Abrechnung mit uns und unseren Eltern komplett.
Fazit:
Ein in Grunde genommenes außerordentlich wichtiges Thema „Müll“ heute ist in meinen Augen für ein kürzlich erschienenen Roman unvollständig und lückenhaft betrachtet worden, aber mit vernichtendem Urteil: vier Sterne.