Glitzernde Pools, kunstvolle Skulpturen und imposante Tore: Sehnsüchtig blickt Chilves auf die luxuriösen Wohnanlagen von São Paulo. Sein eigenes Leben könnte nicht weiter davon entfernt sein: Er findet Unterschlupf auf der Praça da Matriz, ein Ort, wo jene zusammenkommen, die keinen Ort mehr haben. Da ist Jéssica, seine Jéssica, die grosse Pläne hegt für ihre gemeinsame Zukunft. Da ist der kleine Dido mit seinem Hundewelpen, der Schriftsteller Iraquitan, der sich an der Schönheit seltsamer Worte festhält, oder Farol Baixo, der Lügner. Zwischen behelfsmässigen Verschlägen und Öltonnen, in einer Welt, in der sich jeder selbst der Nächste ist, entsteht eine unerwartete Gemeinschaft. Patrícia Melo reisst uns mit in eine schmutzig schillernde Metropole und fragt, was uns als Mensch ausmacht.
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Beeindruckende Erzählung
Bewertung am 23.12.2025
Bewertungsnummer: 2683552
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Der Roman hat mich von Anfang an in seinen Bann genommen. Es ist eine Geschichte über Armut, Würde, Menschlichkeit, Freundschaft und Zusammenhalt. Aber auch über Korruption und Ausgeliefertsein. Die Autorin scheint zu verstehen, wie der tägliche Kampf ums Überleben die Leute auf der Strasse fordert. Und es kann jeden Treffen - Arbeitslosigkeit, Krankheit, Wohnungsnot. Ein spannendes Buch, das mich nachhaltig berührt hat.
Jedermann/Jederfrau ist seines Glückes Schmied
Almut Scheller-Mahmoud aus 21109 Hamburg am 22.10.2025
Bewertungsnummer: 2633003
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser Satz soll schon bei den alten Römern im Umlauf gewesen sein. Heute in neoliberalen
Zeiten ist er aktueller denn je, teilt er doch die Menschen in zwei Klassen. Die, die es schaffen,
sich in der Gesellschaft erfolgreich zu behaupten und die Anderen, die den „Bodensatz“ einer
Gesellschaft bilden.
Patricia Melo gelingt es meisterhaft dass wir uns den Menschen des Großstadtdschungels Sao
Paulos lesend nähern, sie kennenlernen: wer sie sind, woher sie kommen, warum sie auf der
Straße leben, ihre Ängste und vor allem auch ihre Träume. Es sind Individuen wie du und ich. In
klaren Schilderungen ohne Betroffenheitsduselei werden die einzelnen Charaktere ausgeleuchtet
und lebendig:
Seno Chacoy, der Venezolaner
Douglas, der Totengräber, verheiratet mit Regiana, der eine gedankliche Pyramide entwirft:
Am Fuße die Menschen und die Primaten, die auch grausam sein und Kriege führen können.
Mittig die Tiere, die nur töten, um zu überleben. Und an der Spitze die Pflanzen mit den Bäumen
als höchster Ausdruck des Guten.
Zélia Firmino, ihr Sohn João Henrique und ihre Tochter Jessica
Chilves, Jessicas Partner und Vater ihrer neugeborenen Tochter
Glenda, die Transfrau,
Dido und sein Hund Afonsinho
ZJ, der Rapper
Farol Baixo, der Lügner
Iraquitan Soares, der Schriftsteller, der funkensprühende Worte sammelt
Die wenigen von der „anderen Seite“:
Rita, die Journalistin
Ciro Andrade Filho, der Verleger
Padre Augusto
Und als Beispiel für die Ausführenden der staatlichen Executive:
Marreco und Cleber, zwei Polizisten, die Einsatzberichte fälschen, Tatorte manipulieren und
Hinrichtungen arrangieren.
Da wird ein Mikrokosmos im Makrokosmos sichtbar mit seinen vielfältigen Regeln und
Repressionen: Die staatlichen Herbergen, ein Platz für Ansteckungen und Diebstähle, öffnen um
17 Uhr und schließen um 5 Uhr.
Die christlichen Heime, auch dort verwanzte Betten, missionarische Gehirnwäsche.
Ganze Gemeinden, die sich mit Milizen, der Polizei und den Drogenkartellen zusammenschließen.
Psychosoziale Zentren, die mit Elektroschocks arbeiten.
Die morgendliche Überlebensroute: immer in Bewegung bleiben, sonst ist man eine Zielschreibe
für die Militärpolizei, die braven Bürger und die Evangelikalen.
Der Zusammenhalt unter den „Erniedrigiten“, aber auch dort sind manche Schafe schwarz.
Alle sind miteinander verbunden. Niemand glänzt im Scheinwerferlicht der Autorin. Patricia Melo
nutzt die Einzelschicksale als Gesamtschicksal, um die Politik und die Gleichgültigkeit der braven
Bürger anzuprangern, die vergessen, dass der Absturz in die Namenlosigkeit und Unsichtbarkeit
jeden treffen kann. Sie präsentiert uns staatliche Gewalt, durchsetzt von Korruption und
Kriminalität und lässt wenig Hoffnung auf einen funktionierenden Rechtsstaat.
Ein beeindruckendes Porträt einer Gesellschaft und ihrer Menschen. Unbedingt lesenswert, um
vielleicht im Hier und Jetzt die Augen offen zu halten für „die Anderen“-
„Denn die einen sind im Dunkeln Und die andern sind im Licht“. (Brecht