Eines der schönsten Bücher für mich dieses Jahr. Sehr prägend und nahegehend, selbst für Nicht-Mütter eine absolute Herzensempfehlung. Draesners Stil hat mir zudem äußerst gut gefallen, weder tränendrüsig noch zu nüchtern.
MarieOn
5/5
11.10.2024
eBook (ePUB)
Absolut bereichender Lesegenuss
In einem Café in München erhielt sie die Nachricht. Sie ließ sie in sich wirken auf dem Weg nach Berlin. Seit Jahren wurden Hunter und sie auf Herz und Nieren geprüft. Der Verein, mit dem sie das Menschenkind adoptierten, stellte ihnen all diese Fragen, das Sozialamt, das Jugendamt waren involviert und der Psychologe, der sie für geeignet befand, die Elternschaft anzustreben.
Ulrike wollte schon als Kind mindestens vier Kinder, doch dann bekam sie keins. Immer verlor sie das Kind frühzeitig verließ es sie, konnte nicht bei ihr bleiben. Hunter und sie waren voller Sehnsucht zueinander, doch die Angst vor der nächsten Fehlgeburt folgte ihnen und lähmte sie.
Die Vorstellung, nach Sri Lanka zu fliegen hatte sich gerade kristallisiert, als es zu unplanbaren Schwierigkeiten kam. Ein Papier fehlt, „very Problem“, das sie am Einreisen hinderte, dann doch grünes Licht und wieder nicht. Fünf Jahre warteten sie jetzt schon auf den Startschuss und in all dem Chaos haben Hunter und sie sich verloren.
Dann endlich sitzen sie im Flugzeug nebeneinander. Ulrike sinnierend sich fragend, was bedeutet Mutterschaft? Was macht Elternschaft aus und warum gibt es das Wort Kindschaft nicht? Sie versucht sich die kleine dreijährige Mary vorzustellen, ihr serendipity, ihre future daughter.
Fazit: Wow! Ulrike Draesner zeigt sich in aller Offenheit. Sie lässt mich einen Teil ihres Lebens verstehen, der für mich, die ich nie in einer solchen Situation war, eine völlig neue Erfahrung ist. Ihre Worte, mit großer Präzision und feiner Selbstironie zu Papier gebracht, zeigen mir unmissverständlich und glasklar, wie sie sich gefühlt haben muss. Wie einschneidend Fehlgeburten für ein Paar und besonders für Frauen sind, habe ich bei meinen Klientinnen oft erlebt. Wie belastend die von der Autorin geschilderte Situation samt anschließender Adoptionsentscheidung mit jahrelangem Hoffen und Warten für eine Beziehung ist. Die Schilderungen ihrer eigenen Eindrücke Sri Lankas, als der Bürgerkrieg gerade zu Ende war. Die Insel geprägt durch portugiesischen und englischen Kolonialismus (Ceylon von Cinnamon = Zimt). Wie wenig Frauen und Mädchen grundsätzlich wert sind, vor allem aber die, die ungewollt schwanger wurden und aus ihrem Dorf vertrieben. Sie schildert die wenige Zeit, die sie hatten, um ihre zukünftige Tochter zu werben und erzählt von den Beeinträchtigungen durch den frühkindlichen Entzug von Körperlichkeiten und Geborgenheit, die eine Ergotherapie nötig machten. Ich durfte einige Stunden der großen Liebe dieser Mutter zu ihrem Kind nachspüren und das war eine große Bereicherung.
Katrin
aus Kiel
5/5
28.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Liebesannäherungen
Kindern gilt als gesetzt – aber ist das wirklich so? Und was passiert, wenn man die zukünftige Tochter erst kennenlernt, als diese schon drei Jahre alt ist und zudem keine gemeinsame Sprache existiert? Ulrike Draesner erzählt in diesem persönlichen Buch, das kein Roman ist (schließlich ist das Wort auf dem Umschlag durchgestrichen), sondern eher ein autobiografischer Text oder vielleicht irgendetwas dazwischen, von ihrem Elternwerden, von ihrem Herantasten an das Lieben eines Kindes, an das Gefühl, jetzt eine Mutter sein zu müssen, ohne genau zu wissen, wie das denn gehen soll. Nach vielen Versuchen und einigen Fehlgeburten entscheiden sich die Ich-Erzählerin und ihr Mann, es mit einer Auslandsadoption zu versuchen, die Wahl fällt dabei eher zufällig auf Sri Lanka. Jahre später kommt dann der ersehnte Anruf, ein dreijähriges Mädchen, das bisher in einem Kinderheim gelebt hat, soll die zukünftige Tochter des Paares werden. Doch dafür müssen sie nach Sri Lanka reisen und das Kind kennenlernen. Und nicht nur kennenlernen, auch für sich einnehmen, schließlich wird der dort zuständige Richter nur einer Adoption zustimmen, wenn Eltern und Kind sich lieben gelernt haben. Doch wie soll das gehen, in nur drei Wochen?
Ulrike Draesner erzählt in gewohnt poetischer Sprache vom Ausprobieren und Herantasten, von widersprüchlichen Gefühlen und dem langen Weg zur Adoption. Und auch davon, dass am Ende nur eine Liebe gewachsen ist, die zu ihrer Tochter, während die Liebe zu ihrem Mann langsam verschwand. Es geht also um Anfänge und Abschiede, um die Bereitschaft, sich auf etwas ganz Neues einzulassen. Dabei reflektiert sie sowohl über Mutterschaft und Elternliebe als auch über die Herausforderungen, sich mit einem offensichtlich nicht eigenen Kind ganz anders in die deutsche Gesellschaft einfügen zu müssen und den immanenten Rassismus vielleicht zum ersten Mal im Leben richtig wahrzunehmen. Das Buch ist klug und sehr berührend, die Autorin schafft es, offen über ihre Ängste und Gefühle zu schreiben, ohne dabei die ihr nahestehenden Personen bloßzustellen. Selten schreibt sie ihnen Gedanken oder Gefühle zu, im Vordergrund steht das eigene Hinterfragen der Geschehnisse, ihre Sicht auf eine bestimmte Zeit ihres Leben. Dieses Buch besticht durch seine Sprache und bereichert gleichzeitig die bekannten Erzählungen über Mutterschaft und Familie. Sehr empfehlenswert!