Thüringen, Ende der 70er Jahre. In einem Heim für behinderte Jugendliche beschliessen vier Freunde, die sich kaum bewegen können: Wir brechen aus. Von Rente und Pflegegeld wollen sie sich Pfleger finanzieren, ein Haus bekommen sie von der Kirche – das alte Pfarrhaus in Hartroda, im Altenburger Land. So beginnt die Geschichte einer Kommune, die völlig aus der Zeit und aus dem Land gefallen ist. Die einen bekommen Hilfe, die anderen Asyl – vor der Schinderei im Staatsbetrieb, vor einem Leben im stupiden Kreislauf von Arbeiten, Saufen, Schlafen. Eine Gemeinschaft der Gleichen, in der alles geteilt wird – Geld und Bücher, Platten und Bier, aber auch alle Gebrechen. Eine Gemeinschaft der Aussortierten, die sich mit Witz und Chuzpe das Undenkbare erkämpft: ein selbstbestimmtes Leben, vielleicht sogar Freiheit. Unter dem Schirm der Kirche wird sie, so scheint es zumindest, vom DDR-Apparat in Ruhe gelassen.Intellektueller Kopf der Gemeinschaft ist Gruns. Er wird vom schweigsamen Mozek gepflegt, der vom Dachboden aus internationale Fernschachturniere bestreitet und sich über seine Vergangenheit bedeckt hält. Denn Mozek, ehemaliger Grenzer, ist auf der Flucht vor der eigenen Schuld.»Ich hab meine Sache auf nix eingestellt / auf gar nix, überhaupt nix«, heisst es in einem Lied der Band Mischpoke, die zum Freundeskreis der Kommune gehört. Als die DDR zusammenbricht, wird deutlich, dass es auch die Mauer war, die die Gemeinschaft von Hartroda zusammengehalten hat.»Nichts an der Utopie eines Zusammenlebens wie in Karsten Krampitz’ Roman hat sich erledigt. Im Gegenteil. Jeder Tag eines freien, solidarischen Lebens sollte wie ein Geschenk gefeiert werden. Laut lesen.« Annett Gröschner»Wer zwei Kästen Bier hat, mache einen zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.« Bov BjergAusgezeichnet mit dem Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben 2025
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Eva
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16.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Widerstand, Subkultur und Freiheit in der Unfreiheit
Karsten Krampitz gelingt mit Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung ein Geniestreich. Irgendwo zwischen Fiktion und historischer Reportage erzählt er von einer Kommune Schwerbehinderter, die aus den Normen des Systems ausbrachen und die Freiheit in der Unfreiheit fanden.
Arnstadt, Ende der 1970er Jahre. Gruns, Schröder, Rose und Christian wollen raus aus dem Marienstift, sie wollen ein selbstbestimmtes Dasein führen. Gruns absolviert die Predigerschule in Eisenach, stellt den Kontakt zur thüringischen Landeskirche her und organisiert die Gründung einer Wohngemeinschaft. Als Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung ziehen sie mit ihren Helfern in ein leerstehendes Pfarrhaus. Es wird eine einzigartige Kommune.
Intellektueller Wortführer ist Gruns, betreut von Mozek, der auf dem Dachboden Fernschach spielt und nie über die Vergangenheit spricht. Hartroda wird sein Exil auf der Flucht vor den eigenen Dämonen.
Nach einigen Personalwechseln stößt Schlotter zur Kommune. Er ist als Roadie mit der Band Mischpoke unterwegs und hat Berlin-Verbot. Der Rest der Band folgt, sie werden fester Bestandteil der Gemeinschaft.
Es regiert Offenheit, die Kommune wird im ganzen Land berühmt. Hippies, Punks, Existentialisten, sie alle pilgern nach Hartroda. Hier werden unbehelligt Systemkritik geübt und Musik gemacht. Ein Paradies, das aus dem Land und aus der Zeit gefallen scheint.
Doch das Land ist im Umbruch, die Revolutionären Energien bleiben nicht unbemerkt. 1989 verändert alles.
Karsten Krampitz rockt einen Roman zu Papier, der schnoddrig, feinsinnig und wild von Menschen erzählt, die sich mit der Kraft der Loyalität und der Gemeinschaft ihre Freiheit suchen.
Mit Virtuosität und unbändigem Witz, Rocker-Attitüde und detailliertem Wissen erzählt Karsten Krampitz ein finsteres Kapitel DDR-Geschichte und macht die Ausgestoßenen zu Held*innen. Denn die Krüppelkommune ist Bürgerbewegung, Subkultur und vor allem unüberwacht. Dies. Und Paradies.
Bewertung
5/5
26.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein anderer Ort...
Obwohl nach den 198 Seiten des Buches eigentlich alles gesagt ist über die Protagonisten dieser Erzählung, die in den letzten 10 Jahren der DDR spielt, möchte man gerne weiterlesen: über Gruns, den Rolli-fahrenden Laien-Prediger, über Mozek, den ihn pflegenden Fernschach-Virtuosen, über Eisen, den Roadie & Punkrock-Darsteller & noch ein halbes Dutzend weiterer Bewohner der im schützenden Schatten der Kirche und in ihrer Immobilie sich etablierenden "Krüppel-Kommune" aus Behinderten und "Latschern", die sich, jeder auf seine Weise, in dieser Nische den Forderungen des "Resozismus" entziehen können und dort zumindest zeitweise ein freiheitlicheres Leben zu führen vermögen als in den für sie staatlicherseits vorgesehenen Institutionen (Psychiatrie, Behinderten-Heim).
Karsten Krampitz gelingt es auch sprachlich, diese Geschichte souverän zu erzählen & die tragischen Brüche nach der Wende weder ideologisch noch kitschig entgleiten zu lassen: starke Empfehlung.-