Mrs. Hawkins, die junge Witwe, ist eine wunderbare Frau. Die Ruhe in Person und stets für alle da, gibt ihre mütterliche und lebensfrohe Opulenz dem erfolglosen Londoner Verlagshaus, bei dem sie arbeitet, Halt und Kraft. Jahrzehnte später – Mrs. Hawkins ist die schlanke Nancy geworden und ihr Leben weit entfernt vom London der fünfziger Jahre – geniesst sie die Erinnerungen an jene Zeit.
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06.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein kurzweiliger Roman mit einer charmanten Protagonistin
Inhalt: Mrs Hawkins liebt die Schlaflosigkeit. Denn: In den nächtlichen Stunden kann sie vor ihrem inneren Auge eigene Filme abspielen, indem sie sich an die Vergangenheit erinnert. Oft denkt sie dabei an Kensington, wo sie in den 1950ern als junge Frau einige Zeit lebte und als Verlagsmitarbeiter arbeitete - geprägt von Auseinandersetzungen mit Schreiberlingen, Emanzipationsbestrebungen, wohlkalkulierten Garstigkeiten und drastischen Überraschungen…
Persönliche Meinung: “Weit weg von Kensington” ist ein Roman von Muriel Spark, dessen deutsche Erstausgabe bereits 1989 erschien und der nun in der Diogenes-Reihe “Modern Classics” neu aufgelegt wurde. Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive von Mrs Hawkins, die - aufgrund der Retrospektivität - als allwissende Erzählerin auftritt: Mrs Hawkins erzählt eher assoziativ, springt mal nach vorne, mal zurück, macht mehrfach Vorausdeutungen und tritt auch stellenweise aus der Handlung heraus, indem sie die Lesenden direkt anspricht, um - wie sie betont “gratis” - Lebensratschläge zu geben. Diese Erzählweise ist ungemein erfrischend und lebendig, sodass man der Erzählerin Mrs Hawkins gerne lauscht (wenngleich man sich natürlich bisweilen fragt, ob sie hier in ihren schlaflosen Stunden nicht die ein oder andere Sache ausgeschmückt hat). Generell ist Mrs Hawkins eine schillernde Erzählfigur: Von der Erzählerin, die um die 60 ist, erfährt man vergleichsweise wenig; der Fokus liegt eindeutig auf ihrem jüngeren Ich Ende 20. Dieses jüngere Ich erscheint aufgeweckt und eloquent, nimmt (fast) jede*n unter ihre Fittiche, ist um keinen Ratschlag verlegen und tritt mit emanzipatorischen Impetus auf. Kurz: “Weit weg von Kensington” wird gerade von seiner Erzählfigur getragen. Daneben gibt es aber noch zwei weitere Aspekte, die den Roman zu einer kurzweiligen Lektüre machen: Auf der einen Seite die Verlagswelt, in der Mrs Hawkins arbeitet, auf der anderen Seite die Situation ihrer Mitbewohnerin Wanda. Die Verlagswelt, in der Mrs Hawkins mit inkompetenten Verlegern, Möchtegern-Autoren sowie verschrobenen, aber liebenswürdigen Kolleg*innen zu tun hat, wird humorvoll karikiert, sodass man mehrfach schmunzeln muss. Ihre Mitbewohnerin Wanda hingegen sorgt für Spannungsmomente. Diese erhält mehrfach anonyme Drohbriefe, die sie nach und nach mürbe machen. Mrs Hawkins macht sich zur Aufgabe, die Identität des Briefeschreibers zu lüften, wodurch “Weit weg von Kensington” auch stellenweise eine kleine Detektivgeschichte ist (Der Roman geht aber nicht im Krimigenre auf - will er auch gar nicht -, sodass man hier keinen allzu raffinierten und wendungsreichen Subplot erwarten sollte). Insgesamt ist “Weit weg von Kensington” ein kurzweiliger Roman mit außergewöhnlicher, charmanter Protagonistin und einer abwechslungsreichen Handlung.