Ein SS-Offizier wird unter falschem Namen zum Universitätsrektor und Vorzeigedemokraten. Der Fall Schneider / Schwerte zeigt die paradoxe Rolle von NS-Akteuren beim Aufbau der Bundesrepublik.
Der gefeierte Germanist und ehemalige Rektor der RWTH Aachen Professor Hans Schwerte lebte 50 Jahre lang mit einer gefälschten Identität. Nach seiner Enttarnung 1995 zeigte sich: Hinter dem linksliberalen Hochschulreformer verbarg sich der ehemalige SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider, der den »Germanischen Wissenschaftseinsatz« der SS geleitet hatte. Wie konnte aus einem NS-Wissenschaftsorganisator eine Identifikationsfigur der demokratischen Nachkriegsgermanistik werden? Auf Basis bisher unbekannter Quellen – darunter insbesondere Schneider / Schwertes kontinuierlich von 1942 bis zu seinem Tod geführte Tagebücher – zeichnet Angelina Pils nach, wie ihm der Identitätswechsel gelang und warum die Enttarnung erst so spät erfolgte. Die Autorin analysiert die personellen Kontinuitäten, die strukturellen Bedingungen und die mentalen Anpassungsprozesse, die Karrieren wie die Schneider / Schwertes ermöglichten. Das Buch richtet sich an alle, die verstehen wollen, wie Systemtransformationen funktionieren. Die Autorin bietet neue Perspektiven auf aktuelle Debatten über Erinnerungskultur und den Umgang mit belasteten Biografien. Ein wichtiger Beitrag zur Zeitgeschichte, der zeigt, dass der Weg in die Demokratie voller Widersprüche war.
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Wenn Geschichte plötzlich die Maske fallen lässt
Alrik Gerlach (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 02.05.2026
Bewertungsnummer: 3126889
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Manchmal liest man ein Sachbuch und merkt schon nach wenigen Seiten: Na wunderbar, jetzt wird es unbequem. Schneider / Schwerte ist genau so ein Fall. Kein netter Spaziergang durch Geschichte, sondern eher ein Gang in einen Keller, in dem jemand viel zu lange das Licht ausgelassen hat.
Angelina Pils nimmt sich Hans Ernst Schneider vor, später bekannt als Hans Schwerte, und legt Schicht für Schicht frei, wie aus einem SS-Offizier ein angesehener Hochschulmensch, Rektor und Vorzeigedemokrat werden konnte. Und ganz ehrlich, beim Lesen sitzt man da teilweise mit hochgezogener Augenbraue und denkt: Das kann doch nicht einfach so funktioniert haben. Tja. Offenbar konnte es das doch.
Besonders stark ist, dass das Buch nicht nur auf diese eine Person starrt. Es geht nicht bloß um einen Mann mit falschem Namen, sondern um ein ganzes System aus Wegsehen, Mitmachen, Anpassen und sehr bequemer Erinnerungslücke. Genau da wird es spannend und auch ziemlich bitter.
Der Stil ist sachlich, aber nicht trocken wie alter Zwieback. Man merkt die wissenschaftliche Tiefe, trotzdem bleibt der Stoff greifbar. Natürlich ist das kein Buch, das man mal eben nebenbei wegatmet. Man muss schon dabei bleiben. Aber wer sich für Nachkriegsgeschichte, Erinnerungskultur und diese seltsamen Brüche in der Bundesrepublik interessiert, bekommt hier richtig viel Futter.
Für mich ist Schneider / Schwerte ein starkes, wichtiges und ziemlich nachhallendes Sachbuch. Nicht gemütlich, nicht leicht, aber genau deshalb lesenswert. Geschichte klopft hier nicht höflich an, sie tritt eher mit schmutzigen Schuhen in den Raum.
Selbstentnazifizierung ist praktisch unmöglich
Bewertung aus Quickborn am 22.05.2026
Bewertungsnummer: 3146089
Bewertet: eBook (PDF)
Über die Opfer des Zweiten Weltkrieges gibt es ein riesiges Portfolio an Literatur – von Dissertationen über Fach- und Sachbücher bis hin zu Romanen und (Auto-)Biografien. Die Literatur über die Täter jener Zeit wird auch geschrieben, aber in der Öffentlichkeit sind eher die Namen der Hauptverantwortlichen von Folter und Mord, Vertreibung, Endlösung, Holocaust, KZs und Vernichtungslagern geläufig. Kaum ein Geschichtsinteressierter ist bisher an Hitler, Himmler, Goebbels, Eichman etc. vorbeigekommen, wer aber kennt die Namen derer, die tausendfach an den Schreibtischen saßen, in Organisationen, Ministerien, bei SS, SD und Gestapo, in Deutschland wie auch in den besetzten Ländern ihr Geld mit der Planung der o. g. Kriegsverbrechen verdienten?
Der Titel „Schneider/Schwerte, Ein westdeutsches Doppelleben 1945-1999“ bringt dem interessierten Leser einen solchen „Schreibtischtäter“ näher. Angelina Pils hat mit dieser Arbeit promoviert, aber auch für mich als nicht studierte Historikerin hat dieses Fachbuch (eine Dissertation nenne ich absichtlich nicht Sachbuch) einen großen Erkenntniswert. Aufgrund der wissenschaftlichen Arbeit befinden sich fast auf jeder Seite Fußnoten, die nicht nur die Quellen nennen, sondern auch mit längeren Anmerkungen zum allgemeinen Verständnis der Sachlage beitragen. Ich habe für die Rezeption des Buches doch längere Zeit benötigt, als es für andere Geschichtssachbücher bei mir der Fall ist. Aber die Mühe, auch die Feinheiten zu entschlüsseln, hat sich gelohnt.
Wer war dieser „Schneider/Schwerte“? Er wurde als Hans Ernst Schneider 1909 in Königsberg geboren, studierte Literatur- und Kunstgeschichte und näherte sich schon um 1932 den Nationalsozialisten an, trat 1933 der SA bei. 1935 soll er promoviert worden sein (diese Tatsache kann auch im Buch nicht eindeutig belegt/widerlegt werden), trat etwas später der NSDAP bei und wechselte von der SA zur SS. Als Abteilungsleiter in Heinrich Himmlers Stab arbeitete er vorrangig im „Amt Ahnenerbe“. Während des Krieges übte er verschiedene Tätigkeiten in den besetzten Niederlanden und anderen Ländern aus. Wie sich dem Buch entnehmen lässt, hatte er ein großes Talent – auch mit Hilfe seiner Vorgesetzten –, einer Einberufung an die Front aus dem Wege zu gehen. Nach längerer und genauester Stammbaumprüfung der SS erhielt er eine Genehmigung zur Heirat von Annemarie Oldenburg, diese wurde 1941 geschlossen.
Als sich abzeichnet, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann, beginnt Hans Schneider, sein „Nachleben“ zu gestalten. Mit Hilfe gefälschter Papiere wird er in einem verwirrenden Ablauf seiner Aufenthaltsorte und Tätigkeiten zu Hans Schwerte. Ganz „zufällig“ ist er laut den neuen Papieren zwar in Hildesheim geboren, aber in Königsberg zur Schule gegangen und hat dort und auch in Berlin und Wien studiert. Die Gunst der Stunde für diese Annahme der neuen Identität schlägt für ihn offensichtlich besonders laut. Es gelingt ihm, u. a. in Erlangen zu studieren, ein zweites Mal zu promovieren und eine Assistentenstelle zu besetzen. Seine Ehefrau lässt den abgebrühten Schneider für tot erklären und wird ihn ein weiteres Mal als Hans Schwerte heiraten.
Der neue Dr. Schwerte steigt auf, unaufhaltsam und hochgelobt, wird er sogar den linksliberalen Kreisen in der BRD zugerechnet. Seine Entnazifizierung hat wunderbar funktioniert. In ihrer Dissertation erforscht Angelina Pils aber nicht nur die „Verwandlung“ von Schneider zu Schwerte, sie beschreibt, auch in vielen Anmerkungen und Zitaten, Details zur nicht immer gelungenen Entnazifizierung in der BRD. Der Versuch, über Amnestien „unbescholtene Nazis“ wieder in Amt und Würden zu bringen, hat oftmals Früchte getragen. Manch einer benötigte nicht einmal eine Amnestie oder Entnazifizierung, wenn er z. B. bei der Organisation Gehlen (später BND) offene Türen einrannte. Dass insbesondere die Amerikaner als Besatzungsmacht einen Stamm von Deutschen suchten, der ihnen im Kalten Krieg dankbar diente, ist bekannt. Und so kam es, dass ein verhältnismäßig kleines Licht wie Hans Schneider seine Wiedergeburt als Hans Schwerte wohl jedes Jahr bis zum Ende seines Lebens feiern wollte.
Bis 1973 war er Rektor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen), danach auf „bekanntem Terrain“ in den Niederlanden und Belgien für die Zusammenarbeit der Hochschulen zuständig. Eine allseits geachtete, integre Persönlichkeit, wie es schien. Bis zum großen Knall, den Earl Jeffrey Richards auslöste, als er 1992 auf die Ähnlichkeit zwischen Schneider und Schwerte stieß. Schwerte war unterdessen emeritiert, aber der Fall sollte über Jahre hohe Wellen schlagen. Belastungsmaterial gab es zu Genüge, allein der Wille bei den entsprechenden Stellen war nicht überzeugend. Die Historikerin Pils schildert diese Phase ausführlich und es ist hoch interessant, ihr in die letzten Winkel der Wissensermittlung zu folgen. Letztendlich zeigte sich Schwerte selbst an, um den Skandal einzuhegen, einer Verurteilung durch Gerichte entkam er auf übliche, geschickte Weise, Befehlsnotstand wird auch heute noch gern vorgeschoben, wenn es um die Übernahme von Verantwortung geht. 1999 starb der ehemalige Hans Schwerte als Hans Ernst Schneider.
Fazit: Diese historische Kriminalgeschichte in einer so umfangreichen wie interessant zu lesenden Dissertation darzustellen, das ist der Historikerin Angelina Pils bewundernswert gut gelungen. Ich kann dieses Buch als eine Art neueren Geschichtsunterricht über die BRD sehr empfehlen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.