Sie sind literarische Legenden. Adrienne Monnier und Sylvia Beach haben mit ihren benachbarten Buchhandlungen über Jahrzehnte das literarische Paris geprägt. Doch 1940, mit der deutschen Besatzung, ändert sich auch für sie alles. Aus der literarischen Oase im Herzen der Stadt wird ein Zufluchtsort für deutsch-jüdische Exilanten und ein Ort des Widerstands. Uwe Neumahr erzählt in seinem bewegenden Buch die Geschichte dieses grossen Paares und ihrer Freunde.
In den wilden Zwanzigerjahren sind "Shakespeare and Company" und "Das Haus der Bücherfreunde", die Buchhandlungen von Sylvia Beach und Adrienne Monnier, Anlaufstellen für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler. Hier trifft sich die Avantgarde, von James Joyce und Ernest Hemingway über Pablo Picasso bis zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Mit dem Einfall der Deutschen in Frankreich im Mai 1940 aber gerät auch die Literatur in Gefahr. Zu den Besatzern gehört Ernst Jünger, während die amerikanisch-jüdische Schriftstellerin Gertrude Stein sich dem neuen Regime in Vichy anschmiegt. Adrienne Monnier und Sylvia Beach setzen alles daran, ihre Freunde Walter Benjamin, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und manche andere zu retten. Bis Sylvia Beach selbst von der Gestapo abgeholt und in ein Internierungslager gebracht wird. Auf der Grundlage von Archivstudien schildert Uwe Neumahr erstmals dieses dramatische Kapitel aus dem besetzten Paris. Es ist eine Geschichte von grosser Literatur und ihrer Entstehung, von Verfolgung, Gewalt und Menschlichkeit und von der Liebe zweier ganz und gar ungewöhnlicher Frauen.
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Fundiert Recherchiert und flüssig lesbar
Silke - Buchgespür - am 01.06.2026
Bewertungsnummer: 3154915
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach in der Rue de l’Odéon waren über Jahre ein Treffpunkt für Schriftsteller, Künstler und Menschen im Exil, die in Paris Schutz, Austausch und manchmal schlicht Hoffnung suchten. Uwe Neumahr erzählt diese Geschichte nicht nüchtern chronologisch, eher wie ein Geflecht aus Begegnungen, Freundschaften, Abhängigkeiten und politischen Umbrüchen. Obwohl es ein Sachbuch ist, liest es sich stellenweise fast wie ein historischer Roman. Die Figuren wirken greifbar, die Atmosphäre des damaligen Paris entsteht sehr lebendig und viele Szenen haben etwas so Erzählerisches, dass ich schlichtweg bewundert habe, wie diese umfangreichen Recherchen charmant vermittelt werden.
Allerdings musste ich gestehen, dass ich anfangs mit gemischten Erwartung an das Buch heranging. Titel und Cover hatten bei mir zunächst den Eindruck eines klassischen Romans erweckt. Ich habe dann letztendlich Literaturgeschichte, Biografie und Zeitgeschichte zugleich in einer höchst zugänglichen Form gefunden, was ich wirklich super fand, denn ich muss gestehen, dass Sachbücher nicht zu meinen Favoriten zähle. In dieser Form macht die Fülle der neuen Informationen aber richtig Freude.
Neumahr richtet den Blick nicht nur auf berühmte Namen wie James Joyce, Ernest Hemingway oder Walter Benjamin. Im Mittelpunkt stehen vielmehr zwei Frauen, die oft eher am Rand literarischer Geschichtsschreibung auftauchen, obwohl ohne sie vieles vermutlich nie möglich gewesen wäre. Adrienne Monnier und Sylvia Beach unterstützten Autorinnen und Autoren, vernetzten Menschen, organisierten Hilfe und schufen Räume, in denen Literatur weiterleben konnte, während Europa zunehmend auseinanderbrach.
Die Menge an Namen, Beziehungen und historischen Entwicklungen verlangt beim Lesen Konzentration. Manchmal verliert sich das Buch kurz in Details, bevor es wieder zu seinen eigentlichen Hauptfiguren zurückkehrt. Trotzdem entsteht daraus ein faszinierendes Bild einer literarischen Szene zwischen Exil, Besatzung und Widerstand.
Dass Neumahr ein so lebendiges Sachbuch geschrieben hat, dass man den Mensch wahrnimmt und die Fakten trotzdem aufsaugt, ist höchst beeindruckend.
Zwei ungewöhnliche Frauen in Zeiten des Widerstands
Buch_im_Koffer aus Münster am 30.04.2026
Bewertungsnummer: 3124725
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
'Shakespeare and Company'. Nahezu jedem Buchbegeisterten ist dieser Name sicherlich ein Begriff ,aber die wenigsten kennen vermutlich die bewegende und literarisch bedeutende Geschichte hinter dieser über die Grenzen Paris‘ hinaus berühmten Buchhandlung – und der nicht weniger bedeutenden Buchhandlung direkt gegenüber.
Zu Beginn des 20. Jhds. galten die beiden Buchhandlungen ‚La Maison des Amis des Livres‘ – das Haus der Bücherfreunde – der Französin Adrienne Monnier und ‚Shakespeare and Company‘ der Amerikanerin Sylvia Beach an der Rue de l’Odéon als die Anlaufstellen schlechthin für Literatur, Kunst und Kulturschaffende. 'Grenzüberschreitungen waren Programm der beiden Frauen, nicht nur wegen ihrer Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen und ihrer sexuellen Identität, sondern auch durch die künstlerische Avantgarde, die sie bevorzugten.' Große Namen gingen bei ihnen ein und aus und waren den beiden Inhaberinnen Zeit ihres Lebens eng verbunden. James Joyce, Gertrude Stein, Walter Benjamin, Gisèle Freund, Hemingway, Sartre und de Beauvoir.
Neben ausgewählter Literatur zum Kauf etablierten sie als erste den Buchverleih, Diskussionsabende, Lesungen. Die Treffen der 'Potassons' wurde von ihnen initiiert, einer Gruppe von Freunden, die 'Literatur, Musik, Kunst aber auch die Freude an gutem Essen' gemeinsam zelebrierten.
Uwe Neumahr schildert das Leben in der Rue de l’Odéon, und verknüpft dabei sehr geschickt das politische Zeitgeschehen mit der Geschichte der beiden Buchhandlungen, ihren Inhaberinnen und deren berühmten Kunden und Freunden. Literarische und gesellschaftliche Entwicklungen gehen so Hand in Hand mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung Paris‘, mit Antisemitismus, Flucht und Verfolgung. Und während die Buchhandlungen ein Zufluchtsort und Anlaufstelle für die deutsch-jüdischen Exilanten werden, so zeigen gleichzeitig viele ausführliche Einzelschicksale, die Neumahr hervorragend recherchiert hat, was Menschlichkeit, Mut, Widerstand und unbeirrbares Festhalten an den eigenen Werten und Idealen leisten kann.
Ein spannendes und einfühlsames Stück Zeit- und Literaturgeschichte, das Uwe Neumahr einmal mehr in seiner unnachahmlichen Art erzählt hat.