Es gibt Romane, die nicht einfach eine Geschichte erzählen, sondern ein ganzes Echo von Herkunft, Verlust und Hoffnung in sich tragen. Dieses Buch ist einer davon. Melania G. Mazzucco hat eine Familiensaga über den Mut des Aufbruchs 1903 geschrieben. Täglich laufen Schiffe mit Tausenden Einwanderern den Hafen von Ellis Island an. Von Süditalien nach Ellis Island fühlt sich für mich genauso an, wie ein aufgewühltes Herz, das über den Atlantik getragen wird. Vita und Diamante sind Kinder, aber die Welt zwingt sie viel zu früh in eine Rolle, die Erwachsene kaum ertragen könnten. Ihre nackten Füsse, ihr Hunger, ihre Sturheit all das wirkt wie ein stiller Protest gegen ein Leben, das ihnen nie eine Wahl gelassen hat. Was mich besonders berührt, ist dieser Moment des Ankommens in New York: Die Skyline verspricht Grösse, doch die Realität ist eng, schmutzig, gefährlich. Mazzucco zeigt ohne Pathos, wie brutal der amerikanische Traum sein kann, wenn man ihn von unten betrachtet. Und trotzdem entsteht zwischen den beiden etwas Zartes, fast Trotzendes eine Verbundenheit, die stärker ist als Ausbeutung und Verrat. Dieses Versprechen, das sie sich geben, wirkt wie ein kleiner, leuchtender Widerstand gegen eine Welt, die sie verschlucken könnte. Mazzucco schildert die Geschichte ihres Grossvaters, dies spürt man in jeder Zeile. Es ist kein historischer Roman, der Distanz wahrt, sondern ein persönliches Erinnern, ein Versuch, die Würde jener zu bewahren, die mit leeren Händen und voller Hoffnung aufbrachen. Für mich ist es ein Buch über Mut, aber auch über die Zerbrechlichkeit von Menschen, die nur eines wollen, ein Leben, das ihnen gehört.
Shilo
Thalia Book Circle Community
3/5
31.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Familiengeschichte mit Licht und Schatten
Manche Geschichten brauchen etwas Zeit, bis sie ihren Weg finden. So ging es auch hier. Die ersten Kapitel haben sofort gezeigt, wie hart das Leben für Vita und Diamante beginnt. Gerade dieser Blick auf die Auswanderung nach Amerika hat neugierig gemacht. Doch je weiter die Geschichte voranschritt, desto öfter wechselte sie in andere Zeiten. Dabei ging für mich der Faden immer wieder ein Stück verloren und das hat den Lesefluss spürbar gebremst.
Trotzdem gab es immer wieder Szenen, die hängen geblieben sind. Vor allem das Ankommen auf Ellis Island und die ersten Schritte in Little Italy machten deutlich, wie viel Mut die beiden Kinder aufbringen mussten. Zwischen Hoffnung und Enttäuschung lagen oft nur wenige Augenblicke. Gerade diese Seiten wirkten glaubwürdig und haben die schwere Zeit der Einwanderer gut spürbar gemacht.
Besonders Vita ist mir mit ihrer eigenwilligen Art im Gedächtnis geblieben. Sie gibt nicht so leicht auf und versucht, ihren eigenen Weg zu finden, auch wenn das Leben ihr immer wieder neue Hindernisse in den Weg stellt. Auch Diamante ergänzt sie gut. Die beiden tragen die Geschichte über viele Seiten und sorgen dafür, dass man wissen möchte, wie es mit ihnen weitergeht.
Dennoch hatte das Buch für mich auch deutliche Schwächen. Einige Abschnitte zogen sich länger als nötig und durch die häufigen Wechsel zwischen den Zeitebenen fiel es nicht immer leicht, den Zusammenhang sofort zu erkennen. Mehr als einmal musste ich mich neu orientieren. Dadurch ging für mich ein Teil der Nähe zur eigentlichen Geschichte verloren.
Gleichzeitig war zu spüren, wie viel Herzblut in dieser Familiengeschichte steckt. Dass sie auf dem Schicksal des Großvaters der Autorin beruht, verleiht vielen Momenten eine besondere Glaubwürdigkeit. Gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, noch länger bei Vita und Diamante bleiben zu können, anstatt immer wieder aus ihrem Weg herausgerissen zu werden.
Am Ende bleibt eine Geschichte über Mut, Hoffnung und den Wunsch nach einem besseren Leben. Sie hat mich nicht durchgehend mitgenommen, aber einzelne Szenen und die beiden Hauptfiguren sind mir im Gedächtnis geblieben. Für mich war es insgesamt ein solides Buch mit guten Momenten, das durch seine Erzählweise jedoch einiges an Wirkung verloren hat.
3 Sterne