Dr. Samuel Hahnemanns Buch über die venerischen Krankheiten dürfte kaum ein Urologe oder Venerologe gelesen haben. Das Buch ist selbst in Homöopathiekreisen kaum bekannt, der Inhalt unverstanden, die Bedeutung verkannt. Nun kann als eine der drei wichtigsten Tragsäulen der Homöopathik, die Lehre von den erworbenen chronischen Krankheiten, und insbesondere der hereditären chronischen Krankheiten bezeichnet werden. Nur bei Kenntnis der individuellen vorveranlagten Schwächen eines biologisch determinierten Systemes, kann die oft unerklärliche Reaktionsweise eines Individuums im Krankheitsfall erklärt werden. Die moderne Epigenetikforschung bestätigt im Detail was Hahnemann vor 200 Jahren wissenschaftlich erforscht hat. Hahnemann war in der Zeit der Aufklärung der innovativste Arzt der Medizingeschichte. In seiner "vorhomöopathischen" Ära erwarb er sich innerhalb der Schulmedizin als Naturwissenschaftler und Pharmakologe ausserordentliche Verdienste. Sei es der Nachweis der Arsenvergiftung, der Nachweis der Weinverfälschung, die Definition der modernen Hygiene und Seuchenbekämpfung, die Beschreibung von Mikroben als Krankheitsüberträger, die erfolgreiche Therapie der Cholera, die moderne Anamneseerhebung und ihre Dokumentation, die humane Therapie Geisteskranker, die Arzneimittelprüfung an Gesunden, die modernen Grundlagen der Pharmazie und die in diesem Werk von 1789 dargestellte Behandlung der "Lustseuche", für die er ein eigenes hochwirksames und nebenwirkungsarmes Quecksilberpräparat entwickelte, das heute mit einer speziellen Galenik hergestellt, eines der mächtigsten Arzneimittel bei vielen chronischen Krankheiten darstellt. Dem Haupttext von 1789 wurden drei erläuternde Artikel aus den Jahren 1790, 1809 und 1816 hinzugefügt, die das Verständnis erleichtern und anhand derer man die Bedeutung des Themas für Hahnemanns späteres Lehrgebäude der chronischen Krankheiten erkennen kann. Dieses heute ignorierte, elementare medizinische Wissen Hahnemanns ist unabdingbar, um später als Arzt in einer Fülle von "nicht mehr benennbaren Krankheiten" fachlich bestehen zu können. Am Anfang steht die Geschichte der Medizin und das Lernen von den alten Meistern, denn man kann nur erkennen, was man kennt.
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