"Indem ich beschreibe, was geschah, indem ich die Geschichte so wahrheitsgemäss erzähle, wie ich nur kann, versuche ich, sie in einem Körper zu vereinen - die Frau von 2021 und das Mädchen von 1983. Ich weiss nicht, ob das möglich ist."
Wie wirkt das, was wir nicht mehr erinnern, in uns weiter? Ist es möglich, ehrlich über etwas zu schreiben, das vor fast vierzig Jahren passiert ist?
Paris, eine Winternacht im Jahr 1983. Sie ist sechzehn Jahre alt und hat sich verirrt im Labyrinth der unbekannten Strassen. Auf einem Zettel hat sie sich die Adresse des dreissig Jahre älteren Modefotografen notiert, der zufällig in New York auf sie aufmerksam wurde und sie bat, nach Paris zu kommen, damit er sie dort fotografieren kann. Gegen den Willen der Mutter, geprägt von dem Wunsch, die Fesseln der Kindheit abzustreifen, macht sie sich auf den Weg. Vier Jahrzehnte später, in einer Zeit der inneren und äusseren Krise, versucht die erwachsene Frau, das junge Mädchen zu verstehen, die sie einmal war.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Edith Berger
aus 3istau
5/5
15.09.2025
eBook (ePUB)
intensives Leseerlebnis
Sie ist die Tochter eines der bekanntesten Paare des Filmgeschäfts. Sie ist 16 Jahre alt, als sie zwischen Tür und Angel von einem bekannten Fotografen angesprochen wird. Er stellt ihr eine Karriere in Paris in Aussicht. Sie kann der Verlockung nicht widerstehen und reist gegen den Willen ihrer Mutter nach Frankreich. Sie ist zu jung und unerfahren um übergriffigen Situationen ausweichen zu können. Ernüchtert kehrt sie nach New York zurück. Jahre später, schon als erwachsene Frau wird sie von verdrängten Erlebnissen eingeholt.
Bewertung
4/5
18.07.2025
eBook (ePUB)
So tief und intensiv
Eine Geschichte,
die verwirrt
die Fragen aufwirft
die grübeln lässt
die sich nicht so leicht liest
die nahe geht
die nicht loslässt.
Linn Ullmann befasst sich in dem Buch “Mädchen, 1983” mit ihrer eigenen Geschichte. Eine Lebensgeschichte, welche sich nicht so leicht erzählen lässt.
Sie verwendet keine Namen und wenn sie mal jemanden einen Namen gibt, dann ist es nicht der echte Name.
Ein Mädchen wird von einem Fotografen als Fotomodell entdeckt und reist auf seine Bitte hin nach Paris, wo sie einige Tage verbringt, die noch lange in ihr nachhallen. Sie führen sie Jahre später in eine tiefe Depression, aus der sie keinen Ausweg findet.
Sie spricht in der jetzigen Zeit von ihrem 16-jährigen Ich als jemand, den sie beobachtet hat, als eine Schwester, als Begleiter, als wäre es jemand fremdes, um Distanz zu dem zu schaffen, was ihr widerfahren ist.
Durch stete Zeitsprünge, von Absatz zu Absatz, durch stete Wiederholung des Geschehen, hatte ich das Gefühl, dass es ihre innere Gefühlswelt und ihre Verwirrung und das jahrelange Verdrängen gut darstellte, die aber in Fetzen und Erinnerungen, in Träumen und Wachphasen sie überwältigten und aus der Bahn warfen.
Ich denke, dass der Leser sich auf eine sehr interessante Darstellung einer Traumabewältigung einlässt, die zum Denken anregt. Man muss aber auch offen für die Thematik und die Schwere sein, die mitschwingt.
Einzigartig und sprachlich interessant.
Boockpicker
Book Circle Community
5/5
13.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ich werde dich niemals vergessen, sagst du"
Über das 16jährige Mädchen von damals, 1983, wollte sie schon lange schreiben, aber erst, als die Erinnerungen auftauchten und sie bedrängten, erst mit 55 gelang ihr endlich, die beiden Mädchen, die in ihr lebten zu beschreiben. Da war A, der sie nach Paris lockte für Modefotografien, und da war sie, die spürte, dass sie nicht gehen sollte, und da war sie, die trotzdem ging. Bruchstücke tauchen auf, ihre Verlorenheit in Paris, ihre Abhängigkeit, die weissen Leintücher, die andern Models im Atelier, und die Männer, die sich dort herumtrieben und es mit ihr trieben. Eigentlich kann sie nicht glauben, was ihr damals passierte, worauf sie sich einliess und wieder daraus zu befreien suchte, doch es war zu spät, sie, die nach New York und Oslo zurückkehrte, war nicht die, die in Paris gewesen war, und doch lebten beide in ihr weiter.
Es ist ein bedrückendes Bekenntnis über Ohnmacht, Missbrauch und die Dissoziation, die sie bedrängt, ihr das weitere Leben beinahe unmöglich macht. Als es ihr gelingt, die beiden Mädchen miteinander ins Gespräch zu bringen, lernt sie, mit beiden zurechtzukommen.
Ein sehr persönlicher Bericht über die Folgen des Missbrauchs, darüber, wie die Dissoziation das weitere Leben zuerst unbemerkt, dann immer störender beeinflusst und einschränkt, bis es gelingt, die vergessenen Erinnerungen sprechen zu lassen. Keine leichte Kost, absolut lesenswert.
«Warum fährst du nach Paris? Ich bin kein Kind mehr, sagt sie. Ich will das Objekt, der Mittelpunkt, das Ziel der Begierde eines anderen sein. Ich will nicht allein sein». (27)
«Und was ist mit dir? Du warst meine unsichtbare Schwester, du gingst mit mir durch dick und dünn. (…) Ich werde dich nie wieder verlassen. Waren wir zusammen in Paris? Waren wir eine oder zwei»? (31)
«Wie leben Erfahrungen weiter, nicht als Erinnerungen, sondern durch Vergessen»? (38)
«Ich sage: Ich weiss nicht, was los ist. (…) Du hältst mich hinten und vorne umschlossen». (48)
«Mich täuscht das Mädchen nicht. Das Geheimnis besteht darin, die Augen leer werden zu lassen. Man tut es, indem man sich aufspaltet». (72)
«Sie, die von sich selbst in der ersten Person spricht, bin ich und nicht ich. Genau wie du, sage ich so leise und ruhig, wie ich kann». (107)
Bewertung
aus Villach
5/5
07.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erinnern und vergessen - wirklich ein Meisterwerk
Die Tochter von Ingmar Bergmann und Liv Ullmann wird mit 16 Jahren von einem 44-jährigen Modefotografen angesprochen, ob sie nicht nach Paris kommen und sich für die französische Vogue fotografieren lassen möchte.
Linn wohnt mit ihrer Mutter in New York, möchte endlich erwachsen sein, wie alle Jugendlichen in diesem Alter, und fliegt im Januar 1983 gegen den Willen der Mutter nach Paris.
Es ist ein autofiktionaler Roman, in dem sich die Autorin 2021 während der Pandemie nach über 40 Jahren daran erinnert, wie sie in jener Nacht im Winter in Paris auf der Straße steht, ihr weder das Hotel noch die Straße einfallen, in dem sie wohnt, und sie auch nicht Französisch spricht. Einzig einen Zettel hat sie dabei, wo die Adresse des Fotografen notiert ist, zu dem sie mitten in der Nacht geht und – völlig überfordert von der Situation, in die sie sich leichtfertig begeben hat – in seinem Bett landet. Ein sexueller Missbrauch?
Das Foto von damals gibt es nicht mehr und auch der Fotograf hat wahrscheinlich keine Erinnerung mehr an sie.
Schon die längste Zeit wollte Linn Ullmann diese – zig Jahre lang danach noch als traumatisch erlebte – „Geschichte“ aufschreiben, es ist ihr jedoch nicht gelungen daran zu denken und sich zu erinnern, obwohl dieses Ereignis sie ihr Leben lang – leidvoll – begleitete. Die Autorin versucht sich zu erinnern, bricht die Gedanken ab, greift sie neu auf, bricht wieder ab, sie fügt unterschiedliche Lebensereignisse hinzu. Die Gedanken sind nicht chronologisch niedergeschrieben, sondern wie sie ihr gerade einfallen.
Eine eindrucksvolle Geschichte über das Sichtbar-sein-Wollen und Unerfahrenheit als junges Mädchen, übers Erinnern und Vergessen, ohne explizit die Frage, ob es sich um sexuellen Missbrauch handelte, anzusprechen.
Uneingeschränkte Empfehlung