Sie wählen rechts, sprechen nur russisch und unterstützen Putin? Solchen und anderen Vorurteilen sehen sich russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler*innen ausgesetzt. An aufrichtigem Interesse und Wissen um die bewegte Historie der rund 2,5 Millionen in Deutschland lebenden Russlanddeutschen mangelt es in unserer Gesellschaft.
Ira Peter, die mit ihrer Familie als Neunjährige von Kasachstan nach Deutschland umsiedelte, beschreibt anhand ihrer eigenen bewegten Biografie die Erfahrungen und Konflikte der Russlanddeutschen - von der Scham über die sowjetische Herkunft über die fatalen Folgen kurzsichtiger Integrationspolitik bis hin zur 'Anfälligkeit' für russische Einflussnahme wirft sie einen kritischen und zugleich feinfühligen Blick auf die von der Mehrheitsgesellschaft oft als fremd empfundenen Deutschen. Sie erklärt, wie die doppelte Diktaturerfahrung unter Stalin und Hitler Russlanddeutsche bis heute prägt und manche anfällig für völkisches Denken macht. Gleichzeitig zeigt Ira Peter, wie heterogen die Gruppe ist und warum 'Deutschsein' für sie heute kein Kriterium mehr ist, um deutsch zu sein.
Ein Buch, das nicht nur die Geschichte der Russlanddeutschen beleuchtet, sondern auch zum Nachdenken über Identität und Integration einlädt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
5/5
01.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vielen Dank für dieses Buch!
Dieses Buch ist uns „Mitgebrachten“ gewidmet. Ich habe mich in fast jeder Zeile wiedergefunden. Ich hoffe sehr dass es auch von vielen Nicht-Russlanddeutschen gelesen wird. Damit wir alle endlich verstanden werden.
Xenia Malwina
aus VS
5/5
10.04.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Für die Mitgebrachten.
Manche Bücher, so wie Iras Buch, sind einfach dafür gemacht, das Herz zu erobern.
Ich kann kaum in Worte fassen, was mir „Deutsch genug?“ bedeutet hat. Ich bin eine „Mitgebrachte“, so wie @ira_peter selbst auch - eine von 2,5 Millionen (Spät-)Aussiedler:innen. Ich bin eine Tochter, die die eigene Geschichte nur in Fragmenten kennt. Eine Geschichte, die von zwei Diktaturen, Deportation und dem Verlust kultureller Identität geprägt ist. Und on top auch noch von zahlreichen Vorurteilen. Ganz egal, was ihr hört: Nicht alle Russlanddeutschen wählen die AFD, verehren Putin oder trinken Wodka wie Apfelsaft.
„Deutsch genug?“ ist ein Sachbuch, durchwoben von Iras persönlichen Erfahrungen. In so vielen habe ich mich wiedergefunden, so vieles endlich einordnen können. Die Überangepassung? Das transgenerationale Trauma? Die Scham im Hinblick auf die russische Sprache? Sucht euch was aus.
Besonders beeindruckend ist, dass Ira als die brillante Journalistin, die sie ist, die einzelnen Themen sorgfältig recherchiert hat - so entkräftet sie das eine oder andere Vorurteil, das an den Russlanddeutschen klebt wie Honig. Und wie wichtig das ist, können diejenigen nachvollziehen, deren Eltern sich für dieses Land kaputt gearbeitet haben und sich ihm doch nie ganz zugehörig fühlen durften.
„Ja, wir sind die Überlebenden. Und wir müssen unsere Geschichte erzählen. Wegen unserer Großeltern, damit ihr Leid wenigstens heute Anerkennung findet. Wegen unserer Eltern, um ihnen mehr Würde zu verleihen. Wegen uns, den Mitgebrachten, die all den Schmerz unserer Familien nicht weitergeben möchten an die nächste Generation.“ (S. 231)
Liebe Ira, ich danke dir von Herzen, dass du dieses Buch geschrieben hast. Ich hoffe, es wird unendlich oft gelesen - von uns Mitgebrachten, von unseren Eltern und der binnendeutschen Gesellschaft. Ich freue mich schon jetzt auf den Dialog, der daraus entstehen wird. Bis dahin habe ich dank deinem Buch erfahren, dass mein Urgroßvater eine Zuckerfabrik im Kaukasus hatte und meine Oma als junges Mädchen an der Wolga lebte.
ET: 19.03.2025 bei @penguinbuecher
5 von 5 ✨ und noch mehr Liebe!
books.and.sorcery
5/5
02.04.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zugängliches biographisches Sachbuch
Als Russlanddeutsche und großer Fan von Ira Peters Arbeit, insbesondere dem Podcast „Steppenkinder“ – empfehle ich übrigens dringend für weitergehende Lektüre – musste ich ihr biographisches Sachbuch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ natürlich sofort lesen.
Ira wählt einen sanften Einstieg, der direkt einen emotionalen Bezug zu Leser*innen schafft: Kindheitserinnerungen aus Kasachstan, die Migrationserfahrung, das Auffanglager in Deutschland. Fast schon prüfend unterlegt sie die biographischen Parts mit faktenbasierten Passagen. Sie erzählt von der unsäglichen Medienberichterstattung, die rassistische Diskriminierung und die rechte Gewalt der „Baseballschlägerjahre“, die auch Migrant*innen aus postsowjetischen Staaten betraf.
Es wird deutlich, wie obskur das deutsche Integrationsparadigma ist; Spätaussiedler mussten sich zum „deutschen Volkstum“ bekennen (…), ihnen wurde deutlich nahegelegt, ihre russischen Namen einzudeutschen, deutsche Sprache, deutsche Erziehung, deutsche Kultur – „wie auch immer sich deutsche Beamtinnen und Beamte das unter sozialistischer Repressionspolitik gegenüber Deutschen vorstellten“ – dass die neuen Migrant*innen eben möglichst keinen Mucks machen. Und viele machten keinen Mucks, das kannten sie ja schon aus dem sowjetischen Regime. Es ist bemerkenswert, dass Pluralität so sehr in unserem Grundgesetz verankert ist – und wie sehr Deutschland immer noch ignoriert, ein Einwanderungsland zu sein.
Daraufhin macht Ira einen kompakten, aber dennoch sorgfältig aufgearbeiteten geschichtlichen Rundumschlag auf. Anhand beispielhaft herangezogener Ahnenforschung wird schnell klar, dass es „die“ RDs gar nicht gibt, so unterschiedliche Geschichten und Weltanschauungen sie haben. Und dass da doch eine kollektive Erfahrung ist, die durch Verbannung, Gulag, Trudarmee (Zwangsarbeit), Hunger geprägt ist.
Ira endet mit einem Blick aufs Heute: Wie machen sich die traumatischen Erfahrungen bemerkbar, wieso werden wir uns so selten bewusst, was für einen dramatischen Einschnitt eine Migration in das eigene Leben mit sich bringt und wie wird Erinnerungskultur heute gelebt? Wie wird gewählt – natürlich, das große Thema der Medien – und welche Probleme betreffen RDs heute zunehmend (Stichwort Altersarmut)?
Insbesondere die Themen rund um Scham über die eigene Identität, die man vielleicht erst einmal verlernen muss, hat mich sehr berührt; dass es z.B. nicht an der eigenen Assimilationsleistung liegt, nicht „richtig“ dazuzugehören, sondern durch fehlende Anerkennung von Gleichheit und Teilhabe, frei nach Naika Foroutan „Die postmigrantische Gesellschaft“ (2021).
Ich bin beeindruckt, wie Ira Peter es geschafft hat, so viele Themen kompakt in einem Buch anzusprechen. Die Balance zwischen journalistischer Genauigkeit, Sorgfalt und Sachlichkeit, die Distanz, um sensible Themen verständlich zu machen und biographischen Erzählungen, Erinnerungen, Emotionen, hat sie meiner Meinung nach perfekt hinbekommen.
„Deutsch genug?“ eignet sich daher sowohl hervorragend als Lektüre für Personen, die sich vielleicht noch nicht so sehr mit „den“ Russlanddeutschen beschäftigt haben, als auch Russlanddeutsche – es ist durchaus heilsam und bietet viele Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungen Insbesondere wünsche ich mir aber auch, dass andere Migras das Buch lesen, weil es eben einen zugänglichen und informativen Beitrag im aktuellen postmigrantischen Diskurs leistet.
Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!
Bewertung
5/5
19.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch ist lange überfällig
Ich habe den Podcast von Ira Peter auf Spotify gehört und ihre Artikel in der Zeitung Die Zeit gelesen und freue mich sehr darüber, dass sie ein Buch über die sehr überangepasste und deshalb immer noch unsichtbare und doch größte Einwanderungsgruppe Deutschlands geschrieben hat.
Sie ist offen, mutig und ehrlich.
Die Diskriminierung und Vorurteile gegen die sogenannten Russlandsdeutschen hat in den letzten fünf Jahren extrem zugenommen, so erlebe ich das in meinem beraterischen Arbeitsumfeld.
Ich bin dankbar über den jahrelangen unteranderem Aufklärungsbeitrag von Ira Peter für unsere von Zuwanderung geprägte und schon seit vielen vielen Jahrzehnten von Zuwanderung profitierende Gesellschaft.
Bewertung
1/5
07.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Deutsch genug? nicht objektiv, pauschalisierend sogar verletzend
Als Leserin mit kirgisischem Hintergrund hat mich dieses Buch an vielen Stellen enttäuscht. Es vermittelt ein sehr einseitiges und negatives Bild meines Herkunftslandes Kirgistan – basierend auf einem Einzelfall, ohne differenzierte Betrachtung. Auch die Darstellung der sogenannten Russlanddeutschen wirkt pauschal und verletzend. Ich frage mich: Warum wird der Begriff „Russlanddeutsche“ pauschal auf alle Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion angewendet?
Auch die Beschreibung der sogenannten „Russlanddeutschen“, also der Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion bzw. den GUS-Staaten, ist stark pauschalisierend. Der historische Vergleich mit „Russlanddeutschen unter Zarin Katharina der Großen“
Ich möchte gern ein paar meine Gedanken dazu teilen, weil ich merke, wie oft dieser Vergleich vorkommt. Ich frage mich dabei: Worauf genau bezieht sich diese Verbindung – und für wen gilt sie überhaupt noch heute? Daher meine Fragen – als Denkanstoß, nicht als Vorwurf:
• Ist es sinnvoll, heutige Menschen mit Herkunft aus Zentralasien oder Osteuropa immer noch mit einer Zuwanderungsbewegung aus dem 18. Jahrhundert gleichzusetzen?
• Warum wird die Herkunft aus der Sowjetunion automatisch mit Russland gleichgesetzt, obwohl es sich um ein Vielvölkerreich mit 15 Republiken handelte?
• Kann man von einem Menschen, der nie in Russland gelebt hat und russisch nur als Amtssprache kannte, wirklich sagen, er oder sie sei „Russlanddeutsch“?
Ich finde: Wenn wir über Identitäten sprechen, brauchen wir mehr Differenzierung und mehr historische Genauigkeit. Der Begriff „Russlanddeutsche“ mag in bestimmten historischen Kontexten berechtigt sein – aber er passt nicht automatisch auf jeden Menschen, der als Deutscher in der Sowjetunion geboren wurde.
Die Aussage, es sei „kaum möglich gewesen“, in Deutschland als Ärztin anerkannt zu werden, ist sachlich nicht korrekt. Schon um 2000 gab es viele russischsprachige Ärzte in Deutschland. Es ist aus meiner Sicht völlig nachvollziehbar, dass dafür ein Praktikum, eine Approbation oder sogar eine Umschulung notwendig ist. Das hat nichts mit Ausgrenzung zu tun, sondern mit der Sicherstellung von Qualität, Sicherheit und Professionalität in einem hochregulierten System. Die Sprache, das Wissen über gesetzliche Pflichten, Abläufe und Verantwortlichkeiten – all das gehört dazu, wenn man in einem neuen Land erfolgreich und auf Augenhöhe arbeiten möchte.
Wer lernen und sich weiterentwickeln wollte, hat es geschafft – auch als Lehrer, wenn auch seltener, was strukturelle Gründe hat. Die sowjetische Pädagogik war mit dem westlichen System schwer vereinbar, was Fortbildungen nötig machte – das ist nachvollziehbar, wird im Buch aber nicht thematisiert. Einige Aussagen fand ich zutreffend andere hingegen haben mich als in Kirgistan geborener Spätaussiedlerin aus der ehemaligen Sowjetunion tief verletzt. Ich hätte mir mehr Tiefe und Respekt gewünscht.