Als ihre Mutter für ein paar Wochen verreist, kehrt die Erzählerin aus der Stadt nach Hause zurück, ins Bergdorf Wengen, sie soll sich um den Garten kümmern. Dabei wollte sie es doch hinter sich lassen, das Dorf, um in der Stadt zu studieren und aus dem Bergdorfkind eine Stadtfrau zu machen. Es ist ein heisser, regenloser Sommer, begleitet wird sie von einem kleinen Hund und dem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber dem Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Ein Ort, der vom Verlust des Vaters geprägt ist und für den der Begriff «Heimat» nicht so recht passen mag.Während die Berge bröckeln, die Gletscher schmelzen und ein Bauprojekt die Lebenswelt der Dorfbewohner:innen erschüttert, durchstreift die Erzählerin die Alpen. Und mit der Zeit erobert sie sich ihren Platz zurück in diesem felsigen Terrain, das zunehmend an Bedrohlichkeit verliert.In einer dichten, tastenden Sprache zeichnet Janica Irina Madjar den Weg einer Wiederannäherung nach und zeigt, wie Zuversicht dort entstehen kann, wo sich Beständiges aufzulösen droht.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
Jürg K.
4/5
20.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Liebenswerte Geschichte
Diese Erzählung hat mich leise, aber nachhaltig berührt. Ich mag, wie Janica Irina Madjar das Zurückkehren nicht als romantische Heimkehr, sondern als komplizierten, widersprüchlichen Prozess zeichnet. Die Erzählerin, die einst fliehen wollte, kehrt mit Misstrauen und einem kleinen Hund zurück und findet sich in einem Sommer wieder, der so trocken ist wie ihre Gefühle. Der Verlust des Vaters liegt wie ein unsichtbarer Fels im Dorf, «Heimat» passt nicht, weil Heimat hier nicht tröstet, sondern erinnert. Besonders stark ist die Art, wie die Landschaft selbst zur Figur wird. Schmelzende Gletscher, bröckelnde Berge, ein Bauprojekt, das die Lebenswelt erschüttert. All das spiegelt die innere Unsicherheit und die Zerbrechlichkeit von Beständigkeit. Janica Irina Madjar Sprache ist dicht und tastend; sie nimmt nichts vorweg, sie tastet sich vor, und gerade dieses Zögern macht die Nähe spürbar. Ich empfand die Wiederannäherung nicht als schnellen Sieg, sondern als mühsames, glaubwürdiges Zurückerobern eines Platzes, der nie ganz derselbe sein wird. Am Ende bleibt Zuversicht, aber keine naive Gewissheit. Eine Zuversicht, die aus dem Anerkennen von Verlust und Wandel wächst. Das ist für mich die grösste Stärke dieses Buches. Es tröstet nicht, indem es alles erklärt, sondern indem es zeigt, wie man in einem unsicheren Terrain wieder atmen lernt.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
3/5
17.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Heimweh ist Muskelkater im Herz
Janica Irina Madjars namenlose Protagonistin in „Den Berg auf der Zunge“ kehrt zurück ins heimatliche Bergdorf Wengen, um sich um das Haus der Mutter während deren Urlaub zu kümmern. Eigentlich wollte sie das Dorf hinter sich lassen, in der Stadt studieren, eine andere werden.
„Aber niemand aus dem Bergvolk kennt sich aus mit dem anderen Ende der Welt. Von Wengen aus ist das andere Ende eigentlich der Anfang. Das Ende der Welt ist hier im Dorf, im Lauterbrunnental. Das Ende der Welt ist eine Sackgasse.“
Ihr Verhältnis zur Mutter ist distanziert geworden, der Vater lebt nicht mehr.
„Es hat sich über Jahre eingeschlichen, sich festgesetzt, das Gefühl, dass wir zu verschieden sind, um einander die Dinge zu erzählen, die uns umtreiben. Dass die Mutter meine Worte nicht versteht. Wir sind zwei komplett unterschiedliche Menschen, die sich auf beinahe unheimliche Weise ähnlich sehen. Ich glaube, dass es nur in mir lebt, dieses Gefühl der Distanz. Die Mutter hingegen sieht in mir sich selbst. Ich kann ihr nicht nahe genug sein, denn ich bin ein Teil ihres Herzens. Die Mutter sagt über uns, wir würden gar nicht viel miteinander sprechen. Sie sagt, man müsse auch nicht immer etwas sagen.“
In Begleitung ihres kleinen Hundes kehr sie also in die Alpen zurück, bleibt die erste Zeit nur für sich im Chalet der Mutter.
„Ich will eigentlich nicht hier sein außerhalb der Nachtstunden, denn in der Nacht versteckt es sich leichter. In der Nacht bleibe ich den Bewohner:innen verborgen. Ich kenne all ihre Gesichter oder kannte sie. Sie gehören zu den Eltern von Schulfreund:innen, sie gingen zur Predigt in der Kirche am anderen Ende der Dorfstraße. Sie haben mit mir die gleiche Klasse besucht. Ich kann sie einordnen. Unsere Gesichter sind gealtert, und ein paar von uns sind die Gleichen geblieben. Komisch, wie wir uns doch kennen, beinahe ein Fürimmer lang, und uns doch fremder sind als Unbekannte.
Ich verabscheue das Dorf. In ihm verwechseln sie andauernd Verbissenheit mit Stolz. Ich gebe ihm die Schuld an all meinen Unzufriedenheiten. Die Menschen von hier sehen die Welt unterhalb von Wengen unscharf, von oben herab, durch zugekniffene Augen, so wie ich die Berge von unten hinauf. Sie sagen: Dort wohnen, wo andere Ferien machen. Die Leute sind Bergdorfpatriot:innen, sie wissen, dass die Berge sie zu etwas Besonderem machen, verglichen jedenfalls mit all den austauschbaren Stadtmenschen, zehntausenden unüberschaubaren Gesichtern. Ihr Dorf ist berühmt. Wegen der Wasserfälle und des Skiweltcuprennens, wegen der robusten Berggipfel, in deren Schoß es liegt, so nahe am Unbetretbaren. Aber die Menschen im Dorf gehen vergessen, weil die Zukunft nicht für sie gemacht wird, sondern für alle, die nur zu Besuch kommen, die nur für eine Nacht bleiben. Viel länger hält es kaum jemand aus.
Ich werde tagsüber einfach in der Sicherheit des Chalets bleiben. Einkaufen nur zu Randzeiten, mich nur in den Nebengassen bewegen. Mit Wengen verbindet mich schließlich nicht mehr als eine Erinnerung mit Graufilter und ein paar WhatsApp-Gruppenchats, in denen allmählich die Telefonnummern alter Freund:innenschaften verschimmeln. Ich möchte sie nicht antreffen, sie würden mich ein paar Momente Kindheit wieder durchleben lassen, die ich bereits zu den Akten gelegt habe.“
„Seit ich heute Morgen aufgewacht bin, denke ich darüber nach, wie lange ich hier oben sein könnte, ohne mit anderen als dem kleinen Hund zu sprechen. Wie lange halte ich die Einsamkeit aus, wenn mir das Alleinsein gerade recht kommt? Wie viele Tage müssen vergehen, bis mir die Einsamkeit Wunden zufügt?“
Doch nach und nach nähert sie sich dem Dorf wieder an, während sie hautnah miterlebt, wie sich die Klimaveränderungen auf die bröckelnden Berge und schmelzenden Gletscher auswirken. Außerdem löst ein großes Bauvorhaben Besorgnis in der Dorfgemeinschaft aus.
Sprachlich hat mir das Buch mit seiner atmosphärischen und poetischen Dichte weitgehend gefallen. Auch die Darstellung des Dorflebens und der Einheimischen wirkte authentisch und gut nachfühlbar.
„Die Mutter macht es wie alle Leute aus dem Dorf: Sie beklagen sich seufzend, dass zu viel hinter dem Rücken getuschelt wird, um dann im selben Atemzug verschwörerisch die Stimme zu senken und zu erzählen, was sie Neues erfahren haben in den letzten Tagen. Die Worte leben auf der Straße und mit ihnen das vermeintliche Wissen vom Leben aller anderen.“
Leider blieb mir die Protagonistin zu unnahbar; auch das Ende konnte mich nicht ganz zufriedenstellen. Das Buch lässt mich somit etwas zwiegespalten zurück.
Ein thematisch interessanter Debütroman über Herkunft, Identität und Klimaveränderung in den Alpen, der meine Erwartungen nicht ganz erfüllt hat. Ich vergebe 3 von 5 Sternen.
Vielen Dank an den Limmat Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
28.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für ein schönes Buch!
Wengen war für sie lange kein Ort, an den sie zurückkehren wollte. Doch als sie für einige Tage auf das Haus ihrer Mutter aufpassen muss, holt sie die Vergangenheit ein – zwischen vertrauten Bergen, Erinnerungen an ihre Kindheit und der Frage, was Heimat eigentlich bedeutet. Aus heutiger und kindlicher Perspektive erzählt bekommt man eine tiefen Blick in die Gefühlswelt der Protagonistin und viele schöne Landschaftsbeschreibungen lassen einem eintauchen in diese Bergwelt!