Die junge Rima liebt ihr Damaskus. Am meisten liebt sie die Bibliothek, in der sie lauter Wunder erwarten: der kleine Prinz mit seinen ewigen Sonnenaufgängen oder Alice mit ihrem Sturz ins Wunderland. Rima sehnt sich danach, eigene Abenteuer zu erleben, dem Willen ihrer Füsse zu folgen. Doch ihre Mutter hält sie fest. Bis zu dem Tag, an dem ihr Bus an einem der neuen Checkpoints aufgehalten wird, und Rimas Welt zerfällt.
Zwischen Detonationen und der Angst der anderen findet Rima Zuflucht in ihrer Fantasie, den Farben ihrer Buntstifte und ihrer ganz eigenen Sprache, in der sie Wort für Wort ihre Geschichte festhält.
In dem Verlangen, die Wunden, die ein Krieg schlägt, zu erfassen, stellt uns Samar Yazbek eine ungewöhnliche Heldin an die Seite: ein Mädchen, das sich fortschreibt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Almut Scheller-Mahmoud
aus 21109 Hamburg
5/5
12.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein kreisförmiges Leben
Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek präsentiert uns nach „Wo der Wind wohnt“ abermals eine aussergewöhnliche Mischung von inneren Gedankenströmen und der Brutalität des Krieges draußen. Alles ist Firnis, der das Geschehen in der Realität überdeckt. Das grausame Geschehen des Krieges im allgemeinen und das der Giftgasbomben im besondern. Der Roman ist poetisch, von fast lyrischer Schönheit und legt sich wie eine schützende Hülle um das Geschehe
Rima, ein Mädchen im Teenager-Alter, wendet sich direkt an die Leserinnen und Leser, sozusagen als Zeugen. Sie ist ein besonderes junges Mädchen, dessen Füße im absoluten Laufmodus sind, so dass ihre Mutter sie seit ihrer Kindheit immer an einer Schnur mit sich führte oder zu Hause festband. Als ob ihre Zehen Flügel hätten. Und sie ist zungenfaul, also sprachlos, denn sie will ihre Zunge nicht bewegen.Eine minimale Reminiszenz an Oscar Matzerath Sie kann lesen und statt ihre Geschichten zu schreiben, malt sie diese mit Wasserfarben. Und sie kann den Koran aus-wendig und singend rezitieren: nur dann kann sie ihre eigene Stimme hören.
Alles ändert sich für Rima, als sie und ihre Mutter bei einem der vielen Checkpoints in einen Schusswechsel geraten. Das Band löste sich von ihrer Mutter und Rima lief und lief….
Die Mutter sah sie nie wieder und sie selbst landete in einem. Krankenhauskeller. Ihr Bruder brachte sie in ein Haus in der Nähe von Ghouta, östlich von Damaskus. Sie hat für die Kinder gemalt: Bilder aus dem Kleinen Prinzen und Alice im Wunderland und sie sang ihre Lieblingssure. Mit ihrer Stimme könne sie Steine zum Weinen bringen, sagte man ihr. Sie träumte von ihrer Mutter und beim Aufwachen war da eine Wolke, die sich über ihrem Kopf bewegte und die sie berühren konnte. Es wird eine leise Liebesgeschichte zu Hassan, einem Freund ihres Bruders, angedeutet.
Rima lebt in einem Fantasierausch der Farben und der Worte, immer wieder inspiriert vom Kleinen Prinzen und Alice im Wunderland (für mich ein Grund diese Lektüre aufzufrischen). und von Al Thaalabi, der sie zu einem Dialog über den Himmel zwischen ihm und dem Kleinen Prinzen inspirierte. „Alles, was über dir ist und dich beschattet, ist der Himmel. Jetzt ist alles, was über mir ist, der Himmel.“
Sie erschafft wie in einem psychedelischen Trip andere Leben:ihr blauer Stift ist ihr dabei Taktgeber und Adjudant. Ihre Geschichten seien ineinander greifende Kreise, Kreise innerhalb von Kreisen, Geschichten innerhalb von Geschichten wie beim Mischen von Farben.
Sie überlegt, ein Bild vom Tod zu malen. Eine weiße Seite, die sich schwarz verfärbt und innerhalb von Sekunden wieder weiß wird mit einem kleinen roten Punkt, dem Eingangstor in den Hades. Ihr Leben besteht daraus, sich im Sterben zu üben, so wie man das Malen oder das Erlernen einer Sprache übt.
Sie schreibt über ihre Geheimplaneten. Der letzte ist ein Keller einer ehemaligen Druckerei, in dem sie seit Wochen allein ist. Da kommen vage Erinnerungen an Dostojewskijs „Aufzeichungen aus einem Kellerloch“ auf. Ohne Wasser, ohne Nahrung. Sie versucht ihren festen Seilknoten zu lösen, doch es gelingt ihr nicht. Aus dem Kellerfenster sah sie zwei Jungen, die in den Trümmerhaufen wühlten. Beim dritten Mal versuchte sie, zu schreien. Doch sie erstarrten und llefen laut schreiend „ Da ist ein Monster“ davon.
Sie sieht sich selbst als lebendige Geschichte, weiß aber, dass auch sie verschwinden wird wie ihre Mutter, ihr Bruder, Hassan, die zwei Jungen. Wie wir alle irgendwann. Aber für uns bleibt sie lebendig. Denn sie ist ein Symbol für Widerstandskraft, für die Kraft der Kreativität. Selbst in Zeiten, wo der Gestank und der aus den Nasen quellende Schaum , der orangefarbenen Flüssigkeit aus den Mündern und die blau leuchtenden toten Körper einer giftdasigen Attacke das Ende der Welt verkünden
Angela Busch
Thalia Book Circle Community
5/5
08.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kriegstraumata,,,,
Rima lebt in Damaskus, mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Sie ist nicht verrückt, viele ihrer Mitmenschen glauben es aber. Sie hat mit vier Jahren beschlossen, das Sprechen einzustellen. Rima hat einen unglaublichen Bewegungsdrang, möchte immer nur laufen. Ihre Mutter weiss sich nicht zu helfen. Sie bindet Rima immer mit einem Seil irgendwo fest - auch an ihr Handgelenk, wenn sie mit ihr unterwegs ist.
Rima lebt für Bücher, bringt sich Lesen und Schreiben bei mit Hilfe ihrer älteren Bibliotheksfreundin Sitt Suad. Sie versorgt Rima regelmässig mit Büchern, Stiften und Papier. Rimas Mutter übt in der Bibliothek einen Putzjob aus. Rima liebt *Alice im Wunderland*, das Buch * Der kleine Prinz* von Antoine de Saint-Exupéry.
Das Unbeschreibliche geschieht. Rimas Mutter wird während eines Ausflugs zur Wohnung von Sitt Suad an einem der neuen Checkpoints erschossen. Rima kommt schwer verletzt in eine Art Gefängnis Krankenhaus und ihr körperliches und seelisches Martyrium nimmt seinen unerbittlichen Lauf.
Das Erleben aus Rimas Sicht im Krankenhaus , auf der Flucht mit ihrem Bruder, dem Bekannten Hassan, ihren Schmerzen und ihre Unwissenheit, ihr kindlich naives Urvertrauen zur realen Welt sind schwer zu ertragen. Die schrecklichen täglichen Bombenangriffe, die auch mit chemischen Kampfmitteln erfolgen, nimmt sie stoisch hin, fast wie von Gott gegeben. Ihre Fantasie, ihre schönen Gedankenbilder, ihre Worte und die gezeichneten Bilder trösten sie, ihre Mitgefangenen und Verletzten.
Zerstörung, Lärm, Bombenexplosionen, Staub, Blut, Sterbende, Verletzte säumen Rimas Leidensweg. Dramatisch und bildgewaltig aufgeschrieben und gezeichnet von der Autorin Samar Yazbek. Die Sprache der Autorin ist unglaublich berührend. Einfach, eindrücklich , manchmal naiv kindlich. Sie wendet sich oft ganz persönlich an die Leser*innen , bittet fast unterschwellig um Verzeihung für die Zumutung der Schreckensbilder. Rimas Gedanken und Empfindungen hat die Samar Yazbek mit viel Intuition, Vorsicht und fantastischen Wortgebilden geschildert. Auch die Hoffnung auf ein Ende der Bombenangriffe hat sie nicht vergessen. Sie hat uns in das Innere der reinen , fast kindlichen Seele von Rima schauen lassen.
Das Buch ist absolut lesenswert, nicht im Sinne von Wohlgefallen und Erheiterung. Es rüttelt auf, stellt sich mit seinen Worten gegen jede Gewalt von Menschen und ihren Kriegsgeräten, jede Auseinandersetzung.
Es ist ein Aufruf Mitmenschlichkeit, Güte und Friedensbemühungen an die oberste Stelle unseres Handelns und das Bewerten von Situationen zu stellen.
FÜNF***** STERNE
Bewertung
aus Buchen
4/5
24.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Rimas Geschichte
Samar Yazbek hat ein forderndes Buch geschrieben, in dem eine junge rau in Syrien von ihrem eben während des Kriegs erzählt. Es wird von Qualen und Hoffnungslosigkeit gesprochen.
Für die junge Rima ist es nicht einfach. An einem Kontrollpunkt wird ihre Mutter erschossen, sie wird verletzt. Ihr Bruder holt sie aus dem Krankenhaus, aber hr Lage bleibt schwierig.
Der Prosa ist eine eigentümliche Poetik zu eigen. Sie konzentriert sich überwiegend auf einen Bewusstseinsstrom der Protagonistin. Das ist bemerkenswert.