Er fegte die alte Welt hinweg und haftet seit vier Generationen im kollektiven Gedächtnis: der Grosse Krieg. Als er ausbrach, am 1. August 1914, bejubelten noch viele, dass nun die Waffen sprachen. Doch vier Jahre später, im November 1918, war jede Illusion verflogen. Der Erste Weltkrieg, der in Europa, im Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Weltmeeren von mehr als drei Dutzend Staaten geführt wurde, forderte mehr als zehn Millionen Tote, zerstörte die Weltordnung und weckte Revanchegelüste. Er veränderte alles: Nicht nur betraten die USA und die Sowjetunion die Weltbühne, auch die Ära der Ideologien und Diktaturen begann, die schliesslich zum Zweiten Weltkrieg mit all seinen Verwerfungen führte.
Herfried Münkler schildert in seiner grossen Gesamtdarstellung diese «Urkatastrophe» des 20. Jahrhunderts, zeigt, wie der Erste Weltkrieg das Ende der Imperien besiegelte, wie er Revolutionen auslöste, aber auch den Aufstieg des Sozial- und Steuerstaats förderte. Ein Zeitpanorama von besonderem Rang, das nicht nur die politischen und menschlichen Erschütterungen vor Augen führt, sondern auch zahlreiche Neubewertungen dieses epochalen Ereignisses vornimmt. Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Bewertung
aus Jouxtens
4/5
28.01.2016
eBook (ePUB 3)
dila38
Im Buch "Der grosse Krieg" zeichnet Münkler ein umfassendes Bild des ersten Weltkrieges aus deutscher Sicht. Die politischen und strategischen Gegebenheiten, die zum Kriegsausbruch führten, werden einleitend beschrieben. Dabei wird die bestimmende Rolle des deutschen Militärs, das direkt dem unbeständigen Kaiser und nicht der Regierung unterstellt war, hervorgehoben. Während Clark in "Die Schlafwandler" darlegt wie Europa quasi aus vielen Zufällen und Nachlässsigkeiten heraus in den Krieg schlitterte, gab es nach Münkler doch recht handfeste Überlegungen auf deutscher Seite, vor allem im Militär, warum und in welchem Zeitfenster ein Krieg mit der Entente geführt werden sollte. Wieweit dies auch auf der Gegenseite der Fall war, wird in dem auf Deutschland fokussierten Buch nicht im Detail untersucht. Interessant ist die Frage warum Deutschland, um den aussichtslosen Krieg zu beenden, nicht schon früh einen Verhandlungsfrieden suchte. Münkler macht personnelle Unzulänglichkeiten (Ludendorff, Kaiser) und politische Gründe (Angst for Revolution) dafür verantwortlich. Im letzten Teil des Buches werden Paradoxe des Krieges und die Bedeutung des ersten Weltkrieges für die Gegenwart diskutiert, letzteres zum Teil in eher spekulativer Art. Das Buch von Münkler ist flüssig geschrieben, und die beigelegten Karten vermitteln einen raschen Überblick über die wesentlichen Schlachten ohne in unnötige Details zu gehen. Das Buch ist ein wertvoller Beitrag zum Verständnis des ersten Weltkrieges, einer Katastrophe, die zum Untergang des alten Europas führte und deren Nachwehen bis heute spürbar sind.
Bewertung
aus Naumburg
5/5
22.10.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartig! Lesenswert! Erschütternd!
Herfried Münkler hat mit Der Große Krieg ein ganz großartiges, absolut lesenswertes und zugleich erschütterndes Werk vorgelegt auch wenn es keineswegs, wie der Einband verspricht, die Welt 1914-1918 erklärt, sondern sich weitgehend auf die deutsche und österreichische Geschichte konzentriert. Zu den Stärken des Buches gehört zweifellos, dass es eine politikwissenschaftliche und keine historiografische Schrift ist. Im Gegensatz zu herkömmlichen historisch-deskriptiven Erzählungen, in denen Ereignisse meist als unausweichliche Folge vorhergegangener Entscheidungen dargestellt werden, und alles geradezu zwangsläufig auf die vom Autor vertretene These hinausläuft, arbeitet Münkler immer wieder heraus, dass die Handelnden in verschiedenen Situationen auch anders hätten agieren können: Es gehört zu den [ ] Paradoxien jener geschichtlichen Augenblicke, [ ] dass der moralische Mut für Initiativen, die sich gegen den Strom der Ereignisse stemmen und ihn aufzuhalten versuchen, überaus gering ist oder gänzlich fehlt. Und es hätte sicherlich Mut dazu gehört, in dieser Situation [des Steckenbleibens des deutschen Angriffs auf Frankreich im November 1914] offen einzugestehen, dass alle Leiden vergeblich gewesen waren. Unter den führenden Akteuren [ ] hat sich keiner gefunden, der dazu bereit gewesen wäre. Der Krieg wurde somit auch darum weitergeführt, weil sich die Politiker vor Auseinandersetzungen im Innern fürchteten. (S. 295) --x--
Münkler folgt dem im angelsächsischen Raum verbreiteten Erklärungsmuster, man sei in den 1. Weltkrieg hineingeschlittert (statt der gerade hierzulande verbreiteten Kriegsschuldthese Deutschlands) und die deutsche Regierung habe wie die Regierungen der übrigen europäischen Mächte nur nicht den Mut und die Kraft gehabt, unkonventionelle, d. h. gegen die militärischen Eliten gerichtete Entscheidungen zu treffen. Sätze wie: Hätte man dort [in der russischen Hauptstadt St. Petersburg] auf Mobilmachung und Kriegserklärung verzichtet, so wäre es nur zu einem Dritten Balkankrieg gekommen, hätten in den 1980er Jahren noch einen weiteren Historikerstreit provoziert und Münkler wahrscheinlich den Titel eines Revisionisten eingebracht. Dadurch wird aber nur umso deutlicher, wie durch Voreingenommenheit, Engstirnigkeit, Entscheidungsangst und Konfliktscheu aus einem regionalen Konflikt der Große Krieg wurde und warum er vier Jahre dauerte, statt vier Monate. Glaubt man Münkler, hatte in Deutschland keiner den Mumm, eine innenpolitisch unpopuläre Entscheidung zu treffen und sich gegen die Militärs zu stellen. Dafür starben Millionen, dafür gingen Reiche zugrunde. Das ist die bittere Erkenntnis nach der Lektüre dieses großen Werkes. --x--
Doch das Buch hat auch Schwächen: So ist das Einführungskapitel ziemlich verkorkst. Statt eine Art Standbildaufnahme zu zeigen, also eine Beschreibung der Szene (Europa) und der Akteure (Nationen, Regierungen), sowie ihrer ökonomischen und politischen Lage zu Beginn des 1. Weltkrieges zu geben, lässt Münkler seine Untersuchung recht fix mit dem Attentat auf den österreichischen Kronprinzen beginnen, um sich den Eindruck hat man schnellstmöglich den Kampfhandlungen widmen zu können. Wer die Vorgeschichte nicht kennt, sollte nochmal alte Schulbücher wälzen (oder Christopher Clarks glänzenden Schmöker The Sleepwalkers). Münklers Konvolut hätte auch ein Kapitel über den Krieg als Schöpfer aller Dinge gutgetan: Stahlhelme, Maschinengewehre, Schrappnelle, Gasangriffe, Flammenwerfer, Zeppelin-Luftaufklärung, Kriegsflugzeuge, Panzer, aber auch Kriegspropaganda, Sabotage, politische Infiltration alle diese Neuerungen fließen bei Münkler nebenbei in den Haupttext ein. Wie revolutionär diese Umwälzungen des Kriegshandwerks auf die Menschen jedoch wirken mussten, wäre deutlicher geworden, hätte Münkler ihnen ein eigenes Kapitel gewidmet. Münkler setzt auch voraus, dass wichtige Personen und Orte bekannt sind. Hier hätte ein Glossar oder zumindest ausführlicheres Kartenmaterial gute Dienste erwiesen. So muss der interessierte Laie in einem Konversationslexikon oder im DTV-Atlas zur Weltgeschichte Hilfe suchen. Dazu kommen stilistische Schwächen: Das Präteritum ist als Erzähltempus nicht immer durchgehalten, Münkler verwendet häufig das sperrige Perfekt. Teilweise lassen sich Vor- und Nachzeitigkeit nur aus dem Kontext erschließen. Und die Syntax ist mitunter komplex. Dazu kommen hin und wieder typische Historikerphrasen à la: Die Menschen machten sich Mut für das, was der Tag noch bringen würde. Sie wollten dabei sein, wenn sich das gewohnte Leben grundlegend verändern sollte. (S. 109). Da fragt man sich, wie viele der Demonstranten, die im August 1914 vorm Berliner Schloss standen, Professor Münkler denn interviewt hat? Dennoch: Die Schwächen wiegen nicht schwer im Vergleich zur überragenden Qualität dieses Werks. --x--
Münklers Schrift umfasst knapp 800 Seiten Textteil, rund 70 Seiten Anmerkungen, 40 Seiten Literaturverzeichnis, 10 Seiten Namenregister, enthält zahlreiche kommentierte Bilder und einige Übersichtskarten. Herfried Münkler ist Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit der Jahrtausendwende erregen seine Schriften erhöhte Aufmerksamkeit, sodass Münkler inzwischen gern von den Medien als Experte für internationale Konflikte zu Rate gezogen wird.
Obelix
aus Lutetia
5/5
11.07.2014
Buch (Gebundene Ausgabe)
Herfried Münkler ist kein…
Herfried Münkler ist kein Historiker sondern Politikwissenschaftler. Daher hatte ich ursprünglich Vorbehalte, dass in dem Buch nur Ereignisse erklärt werden, anstatt sie detailliert zu schildern. Münkler ist eine gute Synthese gelungen. Die Historie wird dargestellt - nicht ganz so detailliert und quellengesättigt, wie das vielleicht ein Historiker täte, aber für den "normalen Leser" sicher detailliert genug. Sehr interessant ist, wie er dabei auch die Entscheidungsspielräume der handlenden Personen beleuchtet, so dass manche Entscheidung, über die wir heute den Kopf schüttlen, aus der sicht der damaligen Handelnden durchaus logsich erscheint. Interessant auch Münklers Darstellung, den 1 Weltkrieg aus sich heraus zu begreifen und ihn nicht - wie viele Historiker - nur als Vorspiel zum 2. WK interessant zu finden. Insgesamt eine sehr fundierte Darstellung.
Tom Kratzsch
5/5
10.02.2014
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Urkatastrophe
Herfried Münklers Buch ist Pflicht! Er beschreibt den "Großen Krieg" von den Anfängen bis zu seinem, längst überfälligen Ende. Aus diesem Krieg kann viel gelernt werden, auch in der Gegenwart. Für Münkler ist der Erste Weltkrieg ein "...Kompendium für das, was alles falsch gemacht werden kann."(S.776). Richtig macht es dagegen die EU: "... die Gemeinschaft bietet Aufstrebenden eine Chance, weil sie diese nicht in die Grenzen eines national oder religiös bornierten Ministaates hineinzwängt, sondern Grenzen öffnet und Migration ermöglicht..." (S.761)