Übrig geblieben sind ihr nur ein Briefumschlag mit einer Handvoll Fotografien und die Angst vor dem Vater, die Sorge um ihre Mutter und ihren Bruder, die Knoten in ihrer Brust. Seka sucht mit Anfang zwanzig nach den Spuren ihrer zerbrochenen Familie und ihres bisherigen Lebens. Sie rekonstruiert den Weg ihrer Eltern aus Bosnien in die Schweiz und fragt nach den Verbindungen, den Fäden zu ihr. Dabei stösst sie auf das Gefangenenlager in Omarska in den neunziger Jahren und einen Brief, der sie weiter nach Den Haag und Genf führt, später ins Berner Oberland. Und sie stellt fest, dass in Omarska heute Erz in den Minen abgebaut wird, als hätte es die Geschichte nicht gegeben, die eines fast schon vergessenen Krieges in Europa. Dabei wirken die Versehrungen der Vergangenheit bis in die Gegenwart fort. Mina Hava verknüpft in ihrem Debütroman historisches Material, Recherche- und Rekonstruktionsarbeit mit persönlichen Erfahrungen, Verlusten und Ängsten - und beleuchtet, was Geschichte bedeutet für Landschaften und Körper. Sensibel erzählt Für Seka ein junges Leben, in dem das Politische und das Persönliche untrennbar verbunden sind, eine Geschichte vom Verlassen und Verlassenwerden und von der Frage, was war.
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4/5
24.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Debütroman
Der Debütroman von Mina Hava ist sprachlich aber auch inhaltlich eindrücklich und anspruchsvoll, auf keinen Fall leichte Kost. Fragmentarisch verarbeitet die junge Autorin in ihrem Buch politische, geschichtliche und persönliche Themen.
Seka, die Hauptfigur ist auf der Suche nach ihrer Herkunft und ihrer Identität. Die Autorin setzt sich intensiv mit dem Jugoslawien Konflikt der 90er Jahre auseinander. Genozid, Gewalt und Suizid in der Familie sind Themen, die parallel zur eigenen Migrationsgeschichte in der Schweiz aufgezeigt werden. Immer wieder im Zentrum steht Seka’s Familie, von der Seka sich lösen möchte, bei der sie sich gleichzeitig aber auch Antworten auf ihre Fragen erhofft.
Teils schwer, teils komisch, teils leicht, oft aber auch einfach feststellend wirft Mina Hava Fragen auf, sucht nach Antworten und stösst auf neue Fragen. Das Buch regt auf jeden Fall zum Nachdenken an und Schreiben erweist sich einmal mehr als dankbares Instrument zur Bewältigungstrategie.