Eine Zugreise von Chur bis nach Istanbul: Angelika Overath erzählt eine west-östliche Fahrt durch den Balkan. Wie viel Freiheit kann es geben zwischen drei Menschen unterschiedlicher Kulturen, die einander suchen und sich selbst finden?
Als Baran im schweizerischen Chur den Zug besteigt, ahnt er bereits, dass nichts mehr so sein kann, wie es war. Sein Lebenspartner Cla entfremdet sich ihm. Und auch er hat sich verändert. Er liebt Cla, aber nun hat er die Bündnerin Alva, Clas vorherige Partnerin und Mutter ihres gemeinsamen Kindes Florinda, kennengelernt. Was bedeutet diese unerwartete Nähe? Je länger Baran aus dem Zugfenster schaut, hinter dem die Landschaften ihr Gesicht wechseln, je vertrauter ihm die Menschen in den Abteilen werden mit ihren Geschichten, desto mehr mischen sich Erinnerungen und gegenwärtiges Erleben. Orte und Zeiten gehen ineinander über. Im Nachtzug von Sofia nach Istanbul bricht eine Entscheidung auf, die am Ende alle überraschen muss.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
yellowdog
5/5
02.09.2023
eBook (ePUB)
Von Chur bis nach Istanbul
Das Buch erzählt von einer Liebes-Dreiecksgeschichte. Es sind 2 Männer, die sich lieben: Cla und Baran.
Da ist aber auch noch Clas frühere Verlobte Alva, die mit ihm zusammen eine kleine Tochter hat.
Man muss dazu sagen, dass Unschärfen der Liebe der zweite Teil einer geplanten Trilogie ist. Der erste Roman hieß Ein Winter in Istanbul. Der dritte Teil wird noch folgen.
Wesentlicher Betandteil dieses Buches ist eine lange Zugfahrt von Chur nach Istanbul, die Baran unternimmt um zu Cla zu kommen.
Das bietet der Autorin die Gelegenheit Barans Beobachtungen und Erinnerungen zu beschreiben. Sie nutzt dazu ihre große Stärke, ihre poetische, außergewöhnliche Sprache. Dadurch gewinnt der Text eine große Lebendigkeit.
Viele Orte auf der Reise werden erwähnt, immer wieder wechseln Mitreisende und mit ihnen ihre geschichten. Aber Baran bleibt bei seinen Gedanken meistens bei seinem geliebten Cla, aber auch bei Alva, mit er er 3 Nächte verbrachte.
Die Autorin hat mit ihren sprachlichen Mitteln eine Form gefunden, die mich überzeugte!
speedy208
Book Circle Community
5/5
21.04.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Im Zug zwischen Orient und Okzident
Als Zugreisender kann man sich sehr gut mit der Hauptperson (Baran) identifizieren. Baran ist ein griechischer Deutsch-Türke, der sein Literaturstudium abgebrochen hat, und in Istanbul seinen Schweizer Geliebten Cla kennen und lieben lernt, und diesem nach Chur folgt, wo Clas Ex-Freundin Alva mit dem gemeinsamen Kind Florinda wohnt. Cla ist ein Geschichtsdozent, den Baran bei seiner Recherche unterstützt. Sie pendeln zwischen Istanbul und Chur. Alva ist Alpinistin. Die 4 bilden eine Art Patchwork-Familie, wenn sie auch nicht zusammenwohnen und -leben, aber doch lose immer in Verbindung bleiben. Florinda nennt ihren leiblichen Vater Cla “Cla-Pa” und Baran “Ba-Pa”.
Als Cla - neben seiner Arbeit als Lehrer/Dozent - für einen Auftrag des Istanbuler Museums früher als erwartet nach Istanbul zurückmuss, fliegt er, und Baran, der keine Verpflichtungen hat (er muss nur eine Biografie vom Türkischen ins Deutsche übersetzen oder vice-versa) , fährt mit dem Zug über die Balkantrasse in die Türkei. Es kommt einem vor, als sitze man Baran unsichtbar auf der Schulter, erlebe das, was er unterwegs sieht und erfährt. Sieht die Landschaften, die Orte, die Flüsse, die Brücken, die Häuser vorbeistreichen. Und das Wort “Vor-Bei” weckt Assoziationen sowohl mit dem Takt des Zuges wie auch mit der Vergangenheit. Baran denkt an seine Zeit mit Cla, an Clas Recherchen zu Konstantin dem Grossen (Gründer von Byzanz, Konstantinopel) usw., aber auch an seine bescheidene Jugend als Gastarbeiterkind der 1970er in Deutschland. Dann fällt ihm wieder Alva ein und das Kind, das ihm wie jene ideale Familie vorschwebt, die er gerne (gehabt) hätte. Und in Chur trennen sich auch Alvas, Florindas und Barans Wege am Bahnhof. Er schwankt zwischen der Zuneigung zu ihr und zu Cla, was ihm vor allem unterwegs klar wird. Seinen uralten Koffer, neben seiner Sporttasche sein Zuggepäck, hütet er wie seinen Augapfel, wurde dieser ihm doch vom Grossvater samt einem kostbaren alten Buch auf Türkisch darin vererbt, der ihn mit seiner Familie verbindet.
Historische Stätten und Persönlichkeiten, von der Frühzeit bis in die Balkan-Kriege der 1990er, werden durch Barans Gedanken auf der Zugfahrt lebendig. Man nimmt Gerüche, Menschen, Traditionen wahr und bleibt doch im 21.Jahrhundert samt Handys. Das Ende ist offen; man kann es so oder so interpretieren. Ich gehe von einem Wachtraum aus.
Das Buch umfasst gut 200 Seiten. Dem Leser kommt es aber doppelt so lang vor, weil es so reichhaltig und abwechslungsreich ist. Eine Art “Train-Novel”, die richtig Lust macht, Barans Reise selbst zu machen.
Kaffeeelse
Thalia Book Circle Community
4/5
14.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ménage à trois
Beziehungsarbeit während einer Zugfahrt, Nachdenken über die Beziehungsmuster, über Ängste, Ängste vor dem eigenen Tun, Ängste vor dem Tun des Partners.
Und während dieser Gedanken tuckert der Protagonist Baran von Chur nach Istanbul zu seinem Mann Cla. Während dieser Fahrt ermöglicht Angelika Overath immer wieder kurze Blicke in die bereisten Länder, so dass dieses Buch auch ein Reiseroman wird.
Nun ist dieses Buch aber nicht nur ein Blick in eine Beziehung, sondern eigentlich ist dieses Buch auch eine kleine Ménage à trois, denn Baran kommt aus Chur und hat dort Clas ehemalige Freundin, die Bündnerin Alva und Clas Tochter Florinda besucht. Und natürlich hat er nicht nur einen Besuch abgestattet, denn irgendwie ist zwischen Alva und Baran etwas passiert, was Baran natürlich zusetzt.
Und so blickt Baran nicht nur auf das bereiste Land, sondern auch auf die Mitreisenden und lenkt sich mit Spekulationen über diese Menschen, mit Spekulationen zu ihren Lebenssituationen etwas vor der eigenen, im Dreieck springenden, Gedankenwelt ab.
Über diese Blicke auf verschiedene Menschen philosophiert Angelika Overath etwas über die Unschärfen der Liebe, ein interessantes Buch, auch ein gutes Buch, ebenso ein interessanter Schreibstil und auch ein schöner Sprachklang. Alles ganz gut. Ja. Durchaus. Aber was vermittelt mir dieses Buch? Dass Menschen Menschen sind und manchmal unergründlich. Nun gut. Das ist mir nicht unbedingt neu.
Das Buch endet in Istanbul und zeigt ein mögliches Ende.
Was schön ist.
Aber was passiert dann? Alva ist Florindas Mutter, der Kontakt zu Cla wird also bestehen, wie wird dann Baran damit umgehen. ?!?! Mein Kopfschütteln seht ihr ja gerade nicht.
Aber auch dies bleibt offen, Menschen sind ja Menschen, ich weiß.
Das mögliche Ende lässt aber eigentlich alles offen. Denn obwohl die Geschichte ja durchaus nachvollziehbar ist, gerät das Buch am Ende doch etwas phantastisch und lässt die Leserschaft etwas verwundert zurück, mich zumindest. Trotzdem ein gut gewähltes Ende. Vielleicht sogar etwas hoffnungsvoll und verträumt. Trotz der dramatischen Situation. Die nach dem Geplätscher vorher doch mit einem gewaltigen Knall einhergeht.
Circlestonesbooks.blog
4/5
18.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Reise durch Europa und…
Eine Reise durch Europa und durch das Leben „Als Baran Anatol Chronas an einem Herbstmorgen in Chur einen Zweitklassewagen der Schweizerischen Bundesbahnen bestieg, wußte er, daß ihm keine gute Ankunft bevorstand. Und doch sollte er sich täuschen über das Ausmaß dessen, was ihn erwartete.“ (Zitat Pos. 43) Inhalt Seit etwa drei Jahren leben Baran und sein Schweizer Lebensgefährte Cla in Istanbul zusammen. Diesen Sommer hatten sie in der Schweiz verbracht, bei Clas früherer Partnerin Alva und der gemeinsamen kleine Tochter Florinda. Für einen dringenden Auftrag muss Cla zurück nach Istanbul fliegen, während Baran seine Rückreise erst sieben Tage später antritt, denn er reist lieber mit der Bahn. In dieser Woche lernt er Alva besser kennen. Die Fahrt von Chur nach Istanbul dauert etwa dreißig Stunden und Baran freut sich darauf, über Gleissystemene durch verschiedene Länder zu reisen und Zeit für seine eigenen Gedanken zu haben, über Entscheidungen nachzudenken und diese doch für eine kurze Zeit noch aufschieben zu können. „Unterwegs war er noch nirgendwo und mußte niemand sein.“ (Zitat Pos. 54) Thema und Genre Dieser Roman erzählt die Geschichte von drei Menschen, deren Leben miteinander verbunden ist, anhand einer Bahnfahrt von Chur nach Istanbul. Reisebeschreibungen, die Beobachtungen der Menschen auf den Bahnhöfen und in den Zügen, die Baran von der Schweiz aus durch Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien und Bulgarien bis in die Türkei bringen, vermischen sich mit seinen Erinnerungen und Gedanken. Themen sind Geschichte, Balkanpolitik, Religion, Familie, Beziehungen, Liebe. Charaktere „Dieser Sommer hatte ihn unsicher gemacht. Etwas in ihm bekam Sprünge.“ (Zitat Pos. 1580). Barans Vater ist Grieche, seine Mutter Türkin, aufgewachsen ist er teilweise in Deutschland, die Erfahrungen der unterschiedlichen Kulturen haben ihn geprägt. Cla und er hatten nie über Treue gesprochen, für Baran war es selbstverständlich, während Cla wiederholt kurze Affären hatte und in den langen Stunden seiner Reise beginnt Baran über die Zukunft ihrer Beziehung nachzudenken. Erzählform und Sprache Dieser Roman spielt in dem kurzen Zeitrahmen einer Bahnreise durch Europa. Die einzelnen Kapitel tragen als Überschrift jeweils zwei Städte und die Handlung schildert die Ereignissen auf dem jeweiligen Streckenabschnitt, wobei der Ablauf chronologisch und entsprechend der Route erfolgt. Doch es sind nicht die vorrangigen Ereignisse, die diese Geschichte prägen, und auch nicht die genauen Schilderungen der Landschaften, Dörfer, Städte, durch welche wir der Hauptfigur Baran folgen, sondern jedes Detail wird durch seine Erinnerungen, Überlegungen, Gedanken ergänzt. Er beobachtet Mitreisende, spricht mit ihnen, wobei es oft um die Geschichte der jeweiligen Gegend geht, aber auch um aktuelle Fragen. Doch die langen Reisestunden geben ihm auch Zeit, über seine Liebe zu Cla und über diese letzten Tage mit Alva nachzudenken und sich zu fragen, wie sein Leben weitergehen soll. Es ist eine leise, poetische und gleichzeitig sehr präzise Sprache und eine ungewöhnliche, spezielle Form, eine Geschichte zu erzählen. Fazit Ein Zug, der durch Europa und damit auch durch die Geschichte der Balkanländer fährt und ein Reisender, der aus dem Fenster schaut, beobachtet, und über seine Beobachtungen nachdenkt. gleichzeitig aber auch eine Reise durch sein bisheriges Leben, seine Erinnerungen und die Frage, ob er auf der bisherigen Strecke bleiben soll, oder ob seine Gedanken gerade die Weichen für eine Abzweigung in eine neue Richtung stellen.
Bewertung
3/5
19.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zugroman
»Und während der Zug über eine hohe Trasse sauste...hatte er nur den einen Wunsch, diese Geschwindigkeit auf den Gleisen würde abnehmen, leiser werden. Er brauchte Langsamkeit, er wollte nicht fortfahren. Nicht so fortfahren in einem ganz elementaren Sinn.« | 129
Angelika Overath hat mit »Unschärfen der Liebe« einen Reiseroman geschrieben, präziser einen Zugreiseroman.
30 Stunden Zugfahrt, vom Schweizer Chur über Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien nach Istanbul fährt die aus ihrem vorherigen Roman »Ein Winter in Istanbul« bekannte Figur Baran. Der griechisch-türkisch-deutsche Baran meint den Schweizer Cla zu lieben. Cla gab alle Sicherheiten auf, verließ Alva und folgte ihm nach Istanbul, wo er das Leben ohne Verbindlichkeiten genießt. Baran meinte damit zurecht zu kommen, dass Cla nicht nur ihn begehrt, während sein eigenes Interesse an anderen Männern erlosch. Von Clas Exfreundin Alva mit ihrer Tochter Florentin, sagt Cla, da sei auch noch Liebe für sie. Nun haben Baran und Alva Grenzen überschritten, drei Tage und Nächte, die sich wie Liebe anfühlten. Liebt er sie jetzt auch? Ist es Rache, Ausdruck seiner Bindungsunfähigkeit?
Während seine Gedanken, Gefühle und Begegnungen versatzstückartig »Vor-bei, vor-bei, vorbei, vorbei, vorbei.« |60 ziehen, verhandelt »Unschärfen der Liebe« die ewige Frage, was Liebe aushalten kann, welche Grenzen sie findet, in welche Gefühle sie umschlagen kann und wie sie erlischt. Das Thema riecht nach Dramatik, Verzweiflung, Liebeskummer und Kitsch, besonders ob der vielen Variationen und Symbolik, die in die Landschaften Begegnungen, Gedanken und Geschichte eingewebt sind. Wäre da nicht da gleichmütige Rattern der Schienen, die den Sound herunterdimmen, alle Grenzen verwischen und die Bedeutung diffundieren mit allgemein menschlichen Dilemmata. Leise, melancholisch, hintergründig und nach vielen Enden offen hält sich »Unschärfen der Liebe«, lange, bis es bei der Ankunft Gewisstheiten gibt, die auch ins Wanken geraten werden.
Nett zu lesen war »Unschärfen der Liebe«, ob mehr, ich bin mir mit mir selbst nicht einig. Das Konzept der Zugfahrt besticht, melancholisch-offen-fragmentarische Texte sagen mir zu. Doch sprachlich und emotional streifte mich »Unschärfen der Liebe«, nur. Ich befürchte, dass dieser Roman schnell in mir verblasst, außer ein paar wenige Klischees streifende Figuren und Dialoge aus Südosteuropa, die werden wohl länger im Gedächtnis bleiben.