Über Wahrheit und Willkür auf den Strassen einer Plattenbausiedlung in der alten BRD. »Karim Khani kann schreiben wie kaum jemand.« Elke HeidenreichEin Junge, der sich eine Gewalt herbeisehnt, die eine Kuhle hinterlässt mit den Umrissen Deutschlands. Er lebt in einer Siedlung, wo die Küchen keine Abzüge haben, und in deren Fluren es nach Armut, Majoran und Etagenbetten riecht. Es sind die 1990er und er ist mit seiner Familie aus dem Iran ins Ruhrgebiet geflohen. Die Mutter ist Soziologin, der Vater ein Schriftsteller, in dessen Sprache es fünfzehn verschiedene Begriffe für Stolz gibt. Deutschland erlebt er als Kränkung und wird zum Beobachter. Erschöpft sich dabei, das Land zu begreifen, während die Mutter an das An- und Weiterkommen glaubt und die Wut des Sohnes immer ungehemmter wird. Denn auf den Strassen seines Viertels herrscht eine Gewalt, von der die Eltern wenig mitbekommen. Ein Roman über ein tristes Land. Über die Diaspora als Heimat. Über die Freiheit im Fremdsein. Über kaputte Aufzüge und die Wahrheit der Schwäne.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Kaffeeelse
Thalia Book Circle Community
5/5
05.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Blicke auf die Ränder unserer Gesellschaft
Als wir Schwäne waren. Ein wunderschöner Titel. Doch die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, glänzt durch andere Attribute. So malerisch, wie der Titel klingt, ist dieses Buch nicht. Dennoch trifft es ins Herz. Mitten rein und voller Wucht.
Die Handlung ist in den Plattenbausiedlungen der BRD verortet. Ich kenne Plattenbausiedlungen aus meiner Jugend auch, allerdings aus der DDR und dort waren sie zu Zeiten der DDR keine sozialen Randgebiete, sondern hatten zu DDR-Zeiten sogar so etwas wie Prestige. Denn so eine Wohnung bedeutete damals auch so etwas wie Komfort. Das will man heutzutage kaum glauben. Aber damals war das so. Die Menschen, die in den DDR-Neubauten-Satellitenstädten unterkamen, hatten plötzlich Fernheizung (kein lästiges Heizen mit dem Ofen und auch den damit verbundenen Dreck mehr), warmes Wasser ohne besonderen Aufwand (keine Badeöfen vorheizen, gesetzt den Fall, man hatte ein Bad), Toilette in der Wohnung (nicht einen Treppenabsatz tiefer im Hausflur), kein Eis mehr an den Wänden im Winter. Kurz, diese Wohnungen waren Luxus. Als dann nach der Wende die Innenstädte saniert wurden, fand ein Rückzug in die Innenstädte statt, dazu kam dann noch eine wirtschaftlich bedingte Abwanderung in den westlichen Teil des Landes und die Satellitenstädte, die Neubaugebiete der ehemaligen DDR ähnelten mehr ihrem Pendant im westlichen Bundesgebiet, wurden ein soziales Auffangbecken, da der Wohnraum dort doch billiger als in der Stadt war.
Von diesen sozialen Auffangbecken handelt dieses Buch, Reza, die erzählende Stimme im Buch, und seine Eltern stammen aus dem Iran, sind geflohen und nun in so einer Neubausiedlung in Bochum angekommen. Der Vater ist Schriftsteller, die Mutter ist Soziologin, also beide Elternteile haben Berufe, die man in den Satellitenstädten weniger vermuten würde. Doch unsere Politik der Einwanderung lässt ja manchmal/oft etwas zu wünschen übrig und so heißt es nicht unbedingt, dass die Berufe der Herkunftsländer auch hier ausgeübt werden dürfen/können. Und so erklärt sich die Schieflage in den betroffenen Familien. Und genauso erklärt sich vielleicht auch eine Missstimmung bei den Betroffenen. Ein Kind, welches so aufwächst, bekommt sicher auch vieles mit, was es verändert. Wenn es in der Umgebung genauso aussieht, was macht das wohl mit einem Kind, mit einem Jungen, mit einem jungen Mann? Behzad Karim Khani beschreibt so ein Aufwachsen, er beschreibt es authentisch und intensiv. Nun könnte man bemängeln, dass dieser dunkle Blick eine Hoffnung vermissen lässt. Und klar, es gibt auch andere Entwicklungen. Es gibt Menschen, die es schaffen sich etwas aufzubauen. Aber dennoch gibt es auch die, die wütend werden, die in der Gewalt ihr Ventil finden. Dies muss man nicht schön finden. Aber real betrachtet gibt es diese Lebensgeschichten. Lebensgeschichten wie die von Reza. Und Behzad Karim Khani lenkt den Blick der Leser auf diese Lebenswirklichkeiten in Deutschland. Denn etwas zu verstehen kann vielleicht einen empathischen Blick bewirken und aus diesem Verständnis entstehen vielleicht neue Kräfte, die unser aller Miteinander positiv verändern können. Denn manche Menschen brauchen vielleicht andere Hilfsangebote, darüber sollte man nachdenken, damit diese unsäglichen Gewaltspiralen endlich aufhören.
Als wir Schwäne waren. Junge, jugendliche Blicke auf eine dunkle Welt, auf ein Dunkeldeutschland, welches sich nicht weiter ausbreiten darf. Denn auch dieses Dunkeldeutschland ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Auch wenn das die gewinnorientierten Menschen an den Schaltstellen unseres Landes nicht zu interessieren scheint und sie den Sozialabbau munter weiter forcieren. Was entsteht daraus? Richtig, noch mehr Gewalt. Eine Gesellschaft misst sich halt auch immer daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Und da gibt es auch im reichen Deutschland noch viel zu tun. Denn dass wir mit dem Umgang mit den sozial Schwächeren ein Problem haben, zeigen auch die Wahlergebnisse. Und nicht nur diese. Denn wen wird ein Reza wohl wählen, wenn er denn wählen geht?
Behzad Karim Khani eröffnet in seinem Buch einen intensiven Blick auf eine Welt, die viel mehr beleuchtet gehört. Einen Blick auf Reza, der ein Teil unserer Gesellschaft ist, sich aber immer mehr aus dieser entfernt. Ein intensives Buch, ein gutes Buch und letztlich ein wichtiger Gedankenanstoß! Lesen!!!
kaffeeelse
aus D
5/5
05.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Blicke auf die Ränder unserer…
Blicke auf die Ränder unserer Gesellschaft Als wir Schwäne waren. Ein wunderschöner Titel. Doch die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, glänzt durch andere Attribute. So malerisch, wie der Titel klingt, ist dieses Buch nicht. Dennoch trifft es ins Herz. Mitten rein und voller Wucht. Die Handlung ist in den Plattenbausiedlungen der BRD verortet. Ich kenne Plattenbausiedlungen aus meiner Jugend auch, allerdings aus der DDR und dort waren sie zu Zeiten der DDR keine sozialen Randgebiete, sondern hatten zu DDR-Zeiten sogar so etwas wie Prestige. Denn so eine Wohnung bedeutete damals auch so etwas wie Komfort. Das will man heutzutage kaum glauben. Aber damals war das so. Die Menschen, die in den DDR-Neubauten-Satellitenstädten unterkamen, hatten plötzlich Fernheizung (kein lästiges Heizen mit dem Ofen und auch den damit verbundenen Dreck mehr), warmes Wasser ohne besonderen Aufwand (keine Badeöfen vorheizen, gesetzt den Fall, man hatte ein Bad), Toilette in der Wohnung (nicht einen Treppenabsatz tiefer im Hausflur), kein Eis mehr an den Wänden im Winter. Kurz, diese Wohnungen waren Luxus. Als dann nach der Wende die Innenstädte saniert wurden, fand ein Rückzug in die Innenstädte statt, dazu kam dann noch eine wirtschaftlich bedingte Abwanderung in den westlichen Teil des Landes und die Satellitenstädte, die Neubaugebiete der ehemaligen DDR ähnelten mehr ihrem Pendant im westlichen Bundesgebiet, wurden ein soziales Auffangbecken, da der Wohnraum dort doch billiger als in der Stadt war. Von diesen sozialen Auffangbecken handelt dieses Buch, Reza, die erzählende Stimme im Buch, und seine Eltern stammen aus dem Iran, sind geflohen und nun in so einer Neubausiedlung in Bochum angekommen. Der Vater ist Schriftsteller, die Mutter ist Soziologin, also beide Elternteile haben Berufe, die man in den Satellitenstädten weniger vermuten würde. Doch unsere Politik der Einwanderung lässt ja manchmal/oft etwas zu wünschen übrig und so heißt es nicht unbedingt, dass die Berufe der Herkunftsländer auch hier ausgeübt werden dürfen/können. Und so erklärt sich die Schieflage in den betroffenen Familien. Und genauso erklärt sich vielleicht auch eine Missstimmung bei den Betroffenen. Ein Kind, welches so aufwächst, bekommt sicher auch vieles mit, was es verändert. Wenn es in der Umgebung genauso aussieht, was macht das wohl mit einem Kind, mit einem Jungen, mit einem jungen Mann? Behzad Karim Khani beschreibt so ein Aufwachsen, er beschreibt es authentisch und intensiv. Nun könnte man bemängeln, dass dieser dunkle Blick eine Hoffnung vermissen lässt. Und klar, es gibt auch andere Entwicklungen. Es gibt Menschen, die es schaffen sich etwas aufzubauen. Aber dennoch gibt es auch die, die wütend werden, die in der Gewalt ihr Ventil finden. Dies muss man nicht schön finden. Aber real betrachtet gibt es diese Lebensgeschichten. Lebensgeschichten wie die von Reza. Und Behzad Karim Khani lenkt den Blick der Leser auf diese Lebenswirklichkeiten in Deutschland. Denn etwas zu verstehen kann vielleicht einen empathischen Blick bewirken und aus diesem Verständnis entstehen vielleicht neue Kräfte, die unser aller Miteinander positiv verändern können. Denn manche Menschen brauchen vielleicht andere Hilfsangebote, darüber sollte man nachdenken, damit diese unsäglichen Gewaltspiralen endlich aufhören. Als wir Schwäne waren. Junge, jugendliche Blicke auf eine dunkle Welt, auf ein Dunkeldeutschland, welches sich nicht weiter ausbreiten darf. Denn auch dieses Dunkeldeutschland ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Auch wenn das die gewinnorientierten Menschen an den Schaltstellen unseres Landes nicht zu interessieren scheint und sie den Sozialabbau munter weiter forcieren. Was entsteht daraus? Richtig, noch mehr Gewalt. Eine Gesellschaft misst sich halt auch immer daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Und da gibt es auch im reichen Deutschland noch viel zu tun. Denn dass wir mit dem Umgang mit den sozial Schwächeren ein Problem haben, zeigen auch die Wahlergebnisse. Und nicht nur diese. Denn wen wird ein Reza wohl wählen, wenn er denn wählen geht? Behzad Karim Khani eröffnet in seinem Buch einen intensiven Blick auf eine Welt, die viel mehr beleuchtet gehört. Einen Blick auf Reza, der ein Teil unserer Gesellschaft ist, sich aber immer mehr aus dieser entfernt. Ein intensives Buch, ein gutes Buch und letztlich ein wichtiger Gedankenanstoß! Lesen!!!
Bewertung
Book Circle Community
5/5
06.04.2025
eBook (ePUB)
Poetisch und wütend
Ein reflektierter Text, wunderschön geschrieben mit äusserst bedachter Wortwahl. Jeder Satz sitzt perfekt, ist geschliffen und unmissverständlich formuliert. Denn so poetisch die Sprache auch klingt, in diesem Buch geht es um Wut. Jugendliche Wut, gereifte Wut, anhaltende Wut. Was sie alles zerstören kann, wie sehr sie aber auch antreibt. Ich habe diese Geschichte unglaublich gerne gelesen. Sie ist direkt, ehrlich und regt zum Nachdenken an.
Phil
5/5
25.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Tolle, simple aber eindringliche Sprache
Ein tolles Buch. Feiner Humor. Lebhaft. Bildhaft und ohne Schnörkel. Unbedingt lesen.
Zum Inhalt muß man nicht viel sagen. Ein Bild der Migration und der Damaligen Zeit Ansich. Mehr davon bitte
Bewertung
5/5
19.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Integration im Brennpunkt
Mit einem ansprechenden Cover lockt das Buch zum Lesen.
Als 10jähriger kommt der Protagonist , mit seinen Eltern aus dem Iran als Geflüchteter in das Ruhrgebiet. Die Eltern sind gebildet und möchten das ihrem Sohn auch zukommen lassen. Leider zeigt sich, dass die Familie in einem sozialen Brennpunkt wohnt. Die Integration wird ein schwieriges Thema.
Dann erzählt der Autor in einer schnörkellosen Sprache über seinen Alltag.
Der atmosphärische Stil ist sehr gefüllt mit Kontrasten aus Poesie und Gewalt.
Khani beschreibt eine viele Emotionen spürbar, Wut und Hoffnungslosigkeit, aus der dann wieder Gewalt wird.
Es werden viele gesellschaftspolitische Themen angesprochen, die heute noch ebenso aktuell sind.
Die Probleme der Integration und die Schwächen unserer Gesellschaft werden hier aufgezeigt. Für mich ist es ein tolles Buch über das Thema Integration.
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5/5
07.08.2025
eBook (ePUB)
Ein Buch, das mich völlig überrascht hat!
Ich muss gestehen, als "Als wir Schwände waren" bei mir im Laden ankam, war ich zunächst skeptisch. Der Titel war mir unbekannt, der Autor ebenfalls - ich hatte bisher noch nichts von ihm gelesen. Aber manchmal sind es ja gerade diese unscheinbaren Bücher, die einen dann überraschen können.
Und genau das ist hier passiert! Schon nach den ersten Seiten merkte ich, dass hier jemand schreibt, der mit Sprache umzugehen weiß. Der Schreibstil ist poetisch, ohne gestelzt zu wirken, präzise und dabei ausdrucksstark. Es ist diese besondere Art zu erzählen, die mich nach und nach gefangen genommen hat. Man spürt in jeder Zeile die handwerkliche Sorgfalt.
Die Geschichte selbst entwickelt einen guten Sog und erzählt einfühlsam von familiären Bindungen und dem Erwachsenwerden in der Fremde, in einer sich stetig wandelnden Welt. Es ist wirklich die Sprache, die dieses Buch heraushebt. Die Wortwahl wirkt durchdacht, der Rhythmus der Sätze stimmt - hier schreibt jemand, der sein Handwerk versteht.
Ich bin positiv überrascht und werde nach weiteren Büchern dieses Autors schauen. "Als wir Schwände waren" hat mich daran erinnert, warum es sich lohnt, auch mal zu unbekannten Titeln/Autoren zu greifen - manchmal macht man schöne Entdeckungen.
Ein Buch, das nachklingt.
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5/5
17.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sagenhaft gut!
Hart, ehrlich und immer wieder überraschend warmherzig und humorvoll ist auch Behzad Karim Khanis zweiter Roman geworden.
Der autofiktionale Ich-Erzähler ist im Alter von zehn Jahren mit den Eltern vom Iran nach Deutschland gekommen und dort in Bochum aufgewachsen. Nun, längst erwachsen, schreibt er für ein unbekanntes Kind, das noch Hoffnungen und Träume hegt und für das er einen grossen Wunsch hat. Damit dieser Wunsch Wirklichkeit wird, erzählt er von seiner eigenen Kindheit, denn vielleicht bewirkt seine Erzählung eine Veränderung der Gesellschaft, vielleicht ändern wir uns dadurch und sein Wunsch wird wahr.
Ich habe mich schon von den ersten drei Seiten verzaubern lassen. Von der poetischen Sprache, von den Gegensätzen, die darin stecken, von den Bildern, die er nutzt. Seine Erinnerungen reiht er chronologisch hintereinander, wie Perlen auf eine Kette. Brutale Erinnerungen fädeln sich neben zärtlichen auf. Er schreibt im Präsens und wahrt trotzdem Distanz, schreibt sachlich, verurteilt nicht und macht seine Gefühle, seine Meinung doch mehr als deutlich. Er schaut genau hin, auf sich selbst und auf seine Umwelt, er hält der Mehrheitsgesellschaft einmal mehr den Spiegel vor und spart sich selbst nicht aus.
Beeindruckend, an Relevanz kaum zu übertreffen und auf eine Weise geschrieben, von der ich nicht genug bekommen kann.