Linus Reichlin liefert in seinem Roman ein grandioses Vexierspiel über die Grenzen unserer Wirklichkeitswahrnehmung. Die Begegnung mit einem Hund wird zum Auslöser eines turbulenten Abenteuers zwischen Einbildung und Realität. Extrem schräg und mit hohem Suchtfaktor.
Felix Sell hat eine eher pragmatische Sicht aufs Älterwerden. Wenn er sich ein neues Bücherregal kauft, schätzt er zum Beispiel vorher ein, ob das Preis-Leistungs-Lebenserwartungs-Verhältnis gewahrt ist. Und wenn er in seiner Plattensammlung auf einen uralten LSD-Trip stösst, probiert er ihn natürlich aus, er hat schliesslich nichts zu verlieren.
Doch als kurz darauf ein kleiner Hund vor seiner Tür steht und fluchend reinkommen will, gerät Felix Sells entspannte Perspektive auf das Dasein ins Wanken. Denn bevor er herausfinden kann, ob der englisch sprechende Hund real oder eine Erfindung seines frisch berauschten (oder zu alten?) Gehirns ist, dringen zwei (offenbar echte?) Verfolger in seine Wohnung ein.
Felix bleibt nichts übrig, als erstmal das Naheliegende zu tun: den Hund in Sicherheit bringen und Indizien dafür sammeln, ob er existiert oder nicht. Was er nicht ahnt: Dies ist der Anfang eines Geschehens, das ihn für immer aus seinem festgefahrenen (Rest-)Leben beamen wird.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Circlestonesbooks.blog
5/5
18.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Herrlich schräg und unterhalts…
Herrlich schräg und unterhaltsam „Klar, der Hund war dabei, aber jetzt ist er erstens weg. Und selbst wenn er hier wäre, würde er eisern schweigen. Ja, wenn Hunde sich etwas in den Kopf setzen, die können stur sein, denkt Felix.“ (Zitat Pos. 74) Inhalt Es ist eine von diesen heißen Tropennächten in Deutschland, genau genommen die erste im Jahr 2022, als alles damit beginnt, dass der vierundsechzig Jahre alte Felix Sell aus Nostalgiegründen zwei vierundvierzig Jahre alte LSD-Pillen ausprobiert. Damit startet ein Abenteuer, das rasch zu einer Reihe von unvorhersehbaren Ereignissen führt, die Felix völlig überfordern und zu überrollen drohen, wäre da nicht der Hund, der ihm mit Rat und Tat, vor allem mit den Ideen dazu, zur Seite steht. Hobo, ein kleiner Jack-Russell Rüde, der nur eines will, dass Felix ihn vor seinen Entführern in Sicherheit und so rasch als möglich zurück in seine Heimat, nach Naples, Florida, bringt. Thema und Genre Dieser Roman ist eine moderne Abenteuergeschichte, philosophisch, menschlich, sehr komisch und manchmal sehr surreal, oder doch real? Charaktere Felix Sell ist ein geschiedener Landschaftsarchitekt in Pension, und lebt allein ein pragmatisches, ruhiges Leben. Anschaffungen berechnet er auf Grund seines Alters mit einem Preis-Leistung-Lebenserwartungsverhältnis. Er mag Katzen, doch diesen Hundeaugen kann er sich auf die Dauer nicht entziehen. Hobo liebt Leckerli und jagt begeistert Stöckchen nach, er ist ein ganz normaler Hund, mit einer Ausnahme: er spricht Englisch, genau genommen amerikanisches Englisch, und dies wesentlich besser als Felix. Erzählform und Sprache Die Geschichte beginnt mit einem Prolog, an den ein Handlungsablauf anschließt, der innerhalb eines knappen Zeitrahmens von wenigen Wochen stattfindet und zu der Situation im Prolog führt. Im personalen Mittelpunkt der Geschichte, deren Erzähler manchmal ins Auktoriale wechselt, steht Felix, da neben den Action-Elementen der Handlung auch seine Gedanken und inneren Monologe eine wichtige Rolle spielen. Denn natürlich beschäftigen Felix die Zweifel, ist der Hund nun real, ist eine andere logische Erklärung möglich, als die, dass es sich um eine Halluzination als Folge der beiden Pillen handelt, im letzteren Fall ein Zustand, der bald vorbeigehen sollte. Doch bis er Klarheit hat, versteckt er sich mit Hobo vor dessen Entführern, nur um sicherzugehen. Die Sprache erhöht das Lesevergnügen, unterhält zusätzlich mit den kleinen Missverständnissen durch den amerikanischen Slang des frechen, temperamentvollen Jack Russell Terriers, der wohl nicht nur für mich die eigentliche Hauptfigur in dieser Geschichte ist. Fazit Der knappe Zeitrahmen, Flucht vor Verfolgern, Konflikte mit der Polizei, sorgen für Spannung, die Geschichte selbst mit vielen skurrilen Szenen für lautes Lachen, der kleine, freche Hund für den Wohlfühlfaktor. Es ist ein schmaler Grad zwischen möglicher, logisch argumentierbarer Realität und phantasievoller Einbildung und dem Autor ist genau dieser geniale Mittelweg gelungen.
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5/5
21.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Witziger, süffiger Roman mit schweizer Charme.
Felix Sell ist vierundsechzig Jahre alt und leidet seit vierundzwanzig Jahren an Liebeskummer, als er zwischen seinen Bücherregalen einen LSD Trip findet, den er sich kurzentschlossen mal einverleibt. Ab da läuft es für Felix zwar nicht besser, aber auf alle Fälle lustiger. Von heute auf morgen ist Felix in Begleitung eines smarten, englisch sprechenden Hundes - ob dieser nun aber ein Hirngespinst oder einfach eine vorübergehende Halluzination ist, bleibt bis zum Schluss der springende Punkt und hält „unseren“ verkopften Felix tüchtig auf Trab.
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4/5
21.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Absurd-komischer Trip
Felix Sell, selbstständiger Landschaftsgärtner mit Jobs, die Dunkelheit erfordern, findet in einer alten Platte zwei LSD-Pillen, die er vor 44 Jahren mit seiner grossen Liebe, Nicole, just an dem Abend nehmen wollte, an dem Nicole mit ihm Schluss machte. Jetzt, mit 64 Jahren, neben seinem neuen Bücherregal sitzend, betrachtet er die beiden Pillen in seiner Hand und beschliesst, sie allein auszuprobieren. Kurz darauf kratzt es an seiner Wohnungstür. Davor: ein Englisch sprechender Hund. Und nun geht der Trip erst richtig los.
Ich habe vor einigen Jahren bereits «Keiths Probleme im Jenseits» gelesen und Reichlin bleibt diesem speziellen Stil auch in seinem neuen Werk treu. Ein auf Aussenstehende eher unscheinbar wirkender Protagonist wird mitten hinein katapultiert in eine völlig absurde Situation. Drogen sind auch mit im Spiel und natürlich Reichlins Humor, der sich aus scharfzüngigen Beobachtungen und Situationskomik speist.
Der allwissende Erzähler berichtet aus Felix’ Sicht in der dritten Person. Gut die erste Hälfte des Romans umfasst die 24 Stunden nach Einwerfen der Pillen und dem Auftauchen des Hundes. Diese starke Dehnung beinhaltet auch regelmässiges Abschweifen in Felix’ Gedanken. Ein wahrer Stream of Consciousness, den ich einerseits sehr unterhaltsam, aber nach einer Weile auch ein ganz klein wenig ermüdend fand. Die Kapitel markieren daher in der ersten Hälfte auch nicht wirklich Einschnitte. Die zweite Hälfte hingegen rafft die Ereignisse, die sich nun über einen guten Monat erstrecken, teils zusammen. Auch hier folgen wir Felix immer wieder auf seinen teils wirrer werdenden Gedankengängen und von Berlin ins Tessin und schliesslich nach Florida.
Felix hat mich gerade zu Anfang immer wieder überrascht, so zum Beispiel im Hinblick auf seine berufliche Tätigkeit. Den Verschwörungstheorien der zweiten Hälfte konnte ich nicht mehr ganz folgen. Der Autor versucht am Ende noch einige offene Fragen zu klären (darunter: Wie und warum kam der Hund überhaupt zu Felix?), bleibt jedoch Antworten schuldig. Das hat mich allerdings nicht sonderlich gestört. Ich hatte auch eher den Eindruck, dass der Autor selbst sich beim Schreiben hat treiben lassen, ohne genau zu wissen, wohin ihn diese Reise führt. Ob das Buch wirklich so experimentell entstanden ist, weiss ich nicht, aber die Idee finde ich spannend.
«Der Hund, der nur Englisch sprach» ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, das anders ist und vor allem unterhalten will und dieses Ziel hat Reichlin meiner Meinung nach erreicht.